Und soviel zum Studium …

Ich habe heute meine Uni-Unterlagen weggeworfen. Obwohl ich erst vor drei Jahren abgebrochen habe, scheint das alles aus einem anderen Technologie-Zeitalter zu stammen – Berge und Berge von Papier! Und erst die Overhead-Projektor-Folien – ich habe mangels Laptop erst sehr spät auf Powerpoint umgestellt. Das heißt da finden sich noch massenhaft Kopien von Befunden, Funden, Verwandtschafts-Schemata und was sich sonst noch so angehäuft hat. Stellt euch vor man hätte mit Folien ein ähnliches Deppenschema wie mit Powerpoint betrieben und alles, was man sagt, nochmal in großer Schrift an die Wand geworfen. Ich hätte einen Container bestellen müssen.

Aber das ist nur eine kurze Abschweifung, denn eigentlich geht es mir darum, was für eine kuriose Bedeutung dieses Studium hatte und hat. Ich habe Sinologie und Ostasienkunde, Ethnologie und Ur- und Frühgeschichte studiert (der damalige Freundeskreis nannte es auch gerne ‘Hartz 4′). Ich habe abgebrochen, als mir im Hauptfach angeboten wurde, im nächsten Semester auch ohne Magister schon zu unterrichten. Ich habe nicht abgebrochen, weil ich es nicht konnte: Ich war gut. Ich bin mit einem sehr guten Abi und einem Stipendium in die Sache gestartet und vielleicht war das überhaupt der Fehler. “Wenn du nicht studierst, wäre das eine Verschwendung”, habe ich des öfteren aus mehreren Quellen gehört.

Was meinem Studium das Genick gebrochen hat war eine chronische Krankheit – und meine Verpeiltheit und mein mieses Zeitmanagement. “Du setzt die falschen Prioritäten”, war auch ein schönes Zitat – darauf bezogen, dass ich lieber Zeit mit Hobbies und Freunden verbrachte als noch mehr zu lernen. Nicht, dass ich nicht gelernt hätte; vor Mandarin-Klausuren verfiel ich regelrecht in Vokabel-Trance. Aber ich Depp habe Comics gelesen, Rollenspiele gespielt, selber welche gemacht, bin auf LARPs gefahren und habe dafür Kram genäht, habe mit einer Freundin ohne große Ahnung davon zu haben Leinwand um Leinwand mit Farbe vollgekleistert. Ich nahm mir Freizeit und hatte auch immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen deswegen. Man muss sich ja auf das Studium konzentrieren. Es soll ja etwas dabei rauskommen. Am besten jemand, der gut verdient und die Familie unterstützt und nach Möglichkeit dabei noch der Wissenschaft hilft, denn ‘praktischen’ Nutzen hat ja ein Geisteswissenschaftler ohnehin nicht, wie jeder BWLer weiß.

Aber irgendwie, obwohl ich dann neben den Hobbies Nächte durchgemacht habe um Hortfunde Norddeutschlands für ein Referat zu sortieren oder Fibelformen der La-Tène-Zeit zu lernen, war auch das Studium an sich am Ende wohl doch eine rein egoistische Sache. Ich habe viel gelernt, über Menschen zu verschiedensten Zeitaltern und in verschiedensten Lebenswelten. Das macht mich um einiges reicher, aber nicht den Rest der Welt. Ich habe nichts erreicht außer fast sechs Jahre meines Lebens einen Sitzplatz in Vorlesungen und Seminaren zu besetzen, den doch sicher jemand Engagierteres hätte brauchen können. Ich habe niemandem etwas gebracht, außer mir selber, denn ein gebildeter und weltoffener Mensch hilft der Gesellschaft nicht so sehr wie ein gut ausgebildeter Ingenieur.

Ich besitze ein chronisch schlechtes Gewissen, und das ohne Katholik zu sein. Ich denke oft genug darüber nach, ob ich nicht mein Studium doch besser mti einem Abschluss hätte beenden sollen oder noch besser ganz etwas anderes machen. Ich gehe meistens selber davon aus, dass ich meine Zeit verschwendet habe – entweder mit dem Studium oder eben damit, es nicht ‘richtig’ zu machen. Was wäre denn richtig gewesen? Hätte ich mich irgendwo anders entscheiden sollen?

Ich habe in einem unglaublich grässlichen, halb fertigen Fantasy-Science-Fiction-Romanzyklusdingsi mal eine Hauptfigur zu der Erkenntnis kommen lassen, dass man im eigenen Leben keine Fehler macht – es sei schließlich die eigene Geschichte und alle Entscheidungen und Handlungen gehörten zu dieser Geschichte dazu und seien richtig für ihren Ablauf.

Das ist Bullshit. Natürlich kann man eine Menge falsch machen. Indem man anderen schadet, in erster Linie. Kitschig ist es auch, denn viele schlauere Menschen als ich haben das schon mal sehr viel eleganter formuliert. Scheiß drauf, ich darf auch mal. Und wisst ihr was? Ich habe Jobs bekommen, deren Grundvoraussetzung meine Zeitverschwendungen waren – Zocken, Rollenspiel, Kreativ-Sein ™ und in die ich tatsächlich auch immer wieder mal mein humanistisches Nutzlos-Wissen einbringen kann. Da war eine Menge Glück mit im Spiel, aber auch Hartnäckigkeit, Begeisterung für das, was ich tue, und viel investierte Zeit – ohne jahrelang nebenher Projekte zu stemmen (danke an alle Mitstemmer wie Immer-noch-Anfeurer-Nico, hilfreiche Familienmenschen und meine Studienzeitfreunde) wäre das nie etwas geworden. Wenn man es so sieht, habe ich eine Art zweites, privates Studium nebenher betrieben, das sich unglaublich ausgezahlt hat, während mein eigentliches Studium inzwischen den Status des Hobbies hat.
Erkenntnisse des Tages?

- Bereue nichts, was dir nicht Schulden oder eine Vorstrafe eingehandelt hat oder jemand anderem geschadet.
- Wenn dir etwas wirklich am Herzen liegt, wird etwas draus werden.
- Teenager schreiben von Natur aus miese Literatur, das liegt an der mangelnden Erfahrung.

Und jetzt werfe ich den letzten Stapel Notizen in den Papiermüll und schaue noch einmal den zweiten Trailer für Iron Man 3. Vielleicht zahlt sich auch das irgendwann aus, wer weiß ;).