Ich habe die E3 überlebt …

… und alles, was ich bekommen habe, ist ein Shirt von Bethesda, Anstecker, eine Watch Dogs-Handyschale, eine Tasche zu Lost Planet 3, eine zu World of Warships, einen exklusiven limitierten und überhaupt tollen Skylander, Samen für Pflanzen gegen Zombies und und und …

Ein Reisebericht. Oder etwas Ähnliches, mit kulinarischen Abstechern.

“Die E3 ist nicht so anstrengend wie die Gamescom”, hieß es vorab, “weil sie nicht für Publikum ist, sondern nur für Leute aus dem Business und Presse.”

Und zugegeben, die Messe war nicht so voll wie die Kölner Halle sechs zwischen Blizzard und EA zur Haupt-T-Shirt-Wurfzeit, aber doch nicht gerade dünn besucht. Wohl mehr als letztes Jahr, was allgemein den neuen Konsolen zugesprochen wurde, aber persönlich kann ich das nicht beurteilen, da es meine erste E3 war. Und dann direkt mit Handycap: Von der RPC am Wochenende zuvor hatte ich einen ordentlichen Husten mitgebracht, den ich immer noch einer Ansteckung bei David Prowse zuschreibe – ich habe berühmte Erreger! In LA entwickelte sich das Husten und Röcheln zu einer ausgewachsenen Erkältung und so mancher Termin erforderte vor allem große Konzentration, um zum Beispiel nicht mitten in Shinji Mikamis ruhigere Phasen der ‘The Evil Within’-Präsentation reinzuhusten oder zu -niesen. Der Wechsel zwischen warmem aber windigem Draußen, kühler Halle und lächerlich kalten Interview-Räumen im mysteriösen behind-closed-doors-Bereich hat da sicherlich nicht gerade geholfen.

Sortieren wie mal die Eindrücke. Wie ist LA? Riesig. Divers. Die selbstverständliche Mischung von Menschen unterschiedlichster Herkunft ist eine angenehme Abwechslung zum steifen ‘Oh Gott wie verhalte ich mich jetzt politisch korrekt-Argh’ das noch die beste Seite des Deutschen Umgangs mit Fremden und Fremd-Aussehenden angeht. Außerdem ist der durchschnittliche Einwohner LAs, dem ich begegnet bin, lächerlich nett. Also wieder verglichen mit Deutschen, die unter Service einen knappen Austausch von Informationen verstehen und im Bus mit ja niemandem reden. Allerdings kann der effiziente Austausch von Informationen darunter schon mal leiden und ich bin mehr als einmal darüber gestolpert, dass jemand an einem Information Desk fließend Smalltalk betrieb, während ich nur eine kurze Aussage zur Abbuchung der Hotelkosten oder der Erhältlichkeit eines Sony-PK-Armbändchens wollte. Als Deutscher ist man es irgendwie gar nicht gewöhnt, von Fremden erstmal fröhlich nach dem Befinden gefragt zu werden und mein Gestammel zu ‘Ja eigentlich doch gut *husthust*’ wurde glücklicherweise überall mit einem gelassenen Grinsen als ‘Ah, ein Ausländer, putzig’ abgehakt.

Wir waren (natürlich) am Walk of Fame, haben das nicht in die Luft gesprengte Chinese Theatre angeschaut (der Stern von Sir Ben Kingsley ist übrigens nur fünf Schritte oder so vom Eingang entfernt – eigentlich hätten sie in Iron Man 3 drüberlaufen müssen) und haben Heinz auf dem Stern von Boris Karloff fotografiert, was keinerlei Verwirrung bei den an allerlei gewöhnten Kleinhändlern und Tour-Verkäufern nach sich zog. Deutsche mit dreckigen Plüscheulen sind wohl noch das Normalste, was da an einem durchschnittlichen Tag entlangflaniert und mit Ausrufen wie “Oh schau mal, Fred Astaire!” auf den Boden zeigt, als würde da tatsächlich ein verstorbener Entertainment-Star herumliegen.

Venice Beach haben wir uns gespart. Dafür haben wir lächerlich zuckrige Doughnuts im Farmer’s Market gegessen und haben vor dem Rückflug noch einen Abstecher zum Aquarium of the Pacific gemacht, wo man vorsichtig Baby-Hammerhaie streicheln, eine Menge extrem beeindruckende Aquarien bewundern und Ottern beim Spielen zusehen kann – empfehlenswert für alle, die wie ich gerne putzige bis bizarre Meeresbewohner anschauen.

Aber kommen wir zur E3. Electronic Entertainment Expo, einer der wichtigsten Branchen-Termine des Jahres und unter der Woche angesiedelt, was dank der ‘nur Business und Presse’-Beschränkung ja auch Sinn macht, auch wenn diese wohl eher eine Frage des Geldes ist.

Und Geld wurde eine Menge reingesteckt. Vorab gibt es bereits Pressekonferenzen von den größeren Namen, beginnend bei Microsoft und endend mit Sony, zwischendrin befinden sich EA und Ubisoft in einem Publisher-Sandwich. Es werden also haufenweise (und damit meine ich eher tausende als weniger) Pressemenschen mit Shuttlebussen durch LA gekarrt, um in Stadien und alten Kinos Präsentationen beizuwohnen. Die laufen in der Regel nach einem strikten Drehbuch ab und enthalten eine ausreichende Menge an Häme gegenüber der Konkurrenz – vor allem bei EA dieses Jahr, aber durchaus auch bei Sony.

Letztere haben in jeder Hinsicht gewonnen, denn im Pressemenschen-Punktesystem wird Location, Inhalt und Verpflegung gemessen. Und Sony hatte kostenlose Food-Trucks und Getränke, ein ganzes Stadion und sehr gute Fakten zur neuen Konsole. Bei Microsoft gab es nichts, Ubi hatte Wasserflaschen und verteilte Handyschalen und Anstecker zu Watchdogs und bei EA kosteten die Food-Trucks ordentlich Kohle und alle Getränke wurden einem bei Betreten der eigentlichen PK abgenommen. Journalisten sollte man zufrieden und satt halten, dann sind sie weniger hämisch – aber auch ‘normale’ Menschen wären ein bisschen angepisst, wenn sie an einem ordentlich sonnigen Tag in Los Angeles ihr frisch gekauftes eiskaltes Wasser einem sturen Security-Menschen übergeben müssten, der es schlicht weg wirft.

In den eigentlichen PKs wird man mit lautem Sound und Lichtshow hypnotisiert, um dann mit ausreichend Wiederholungen die aktuellen Marketing-Losungen und wichtigsten Produkte in den Schädel gehämmert zu bekommen. Dabei ist die Show vermutlich mindestens zur Hälfte für die Zuschauer im Livestream gedacht, die das Ganze immerhin ohne Anstehen und den stetigen kalten Luftstrom der Klimaanlage im Nacken genießen können.

Und damit ist dieser erste Part irgendwie der Anstrengenste. Von A nach B nach Y, weil Event-Planer auch gerne mal beschließen, dass solche Veranstaltungen nicht nahe beieinander sein müssen, egal wie schlimm der Verkehr in der Stadt manchmal sein kann. Immerhin konnte man von Microsoft zu EA zu Fuß laufen und dabei lächelnden jungen Damen mit grünen Sonnenschirmchen folgen, die die Strecke markierten.

Die eigentliche Messe sind dann zwei Hallen voll mit riesigen Ständen und ein paar kleineren für die Indies, eine Retro-Ecke und die weniger großen internationalen Publisher. Darüber befinden sich einzelne Konferenz-Räume und -Räumchen für zusätzliche Präsentationen.

In den Hallen werden übrigens keine Kosten und Mühen gescheut, um anzugeben. Zugegeben, keine echte Mig wie vor zwei Jahren auf der Gamescom, aber das vielleicht auch eher aus Platzgründen denn aus Protzgründen. Blizzard/Activision hatte geniale Charakter-Figuren von vergangenen Blizzcons aufgebaut und eine riesige 180°-Leinwand, EAs Anlage wirkte wie eine moderne Interpretation der Tore von Troia samt skäischem Sturz mit Trailern in der Dauerschleife. Bethesda ließ ein Elder Scrolls Online-Symbol vor Wolfenstein-Mechs rotieren und Sony und Microsoft haben eine halbe Halle unter sich aufgeteilt mit ihren jeweiligen Befestigungen direkt gegenüber wie knurrende Großmächte eines Kalten Konsolenkriegs. Übertreibung gibt es hier nicht.

Außerdem wird in dosierten Mengen an die ‘Presse’ Kram herausgegeben. Allgemeines Zeug nach einer Präsentation wie eine Trinkflasche zu Mad Max (Zusammenhang?) oder ein Batarang-förmiger Flaschenöffner bei Batman: Arkham Origins (immerhin praktisch). Wer die richtigen Termine bei Activision belegt oder richtig Glück hat, kriegt auch schon mal einen limitierten Skylander, den so manche untreue Seele direkt für mehrere hundert Dollar bei e-bay reinstellt. Meinen goldenen Hot Dog wird ein solches Schicksal nicht ereilen,höchstens wird er hochoffiziell verlost, sollte ich nicht ausreichend Widerstand zeigen. So sammelt sich mit der Zeit ein ganzer Haufen ‘Swag’, der geschickt verpackt nach Deutschland muss, weswegen im Karton des Witcher 3-Puzzles nicht nur ein Witcher 3-Puzzle sondern auch vor Ort gekaufter Tee, Schlüsselanhänger, Flaschen und Gadgets untergebracht sind.

Der indirekte Gewinner des Stand-Protzens war übrigens Wargaming, die nicht nur die auffallend hübschesten und zugleich in ihren Uniformen alles andere als billigen Booth Babes engagiert hatten (eine wichtige Investition wenn man beachtet, wie heftig alle Videos und Galerien zu eben jenen Babes frequentiert werden) sondern behind closed doors für World of Warships ein Kino installiert hatten, das die gewölbte Decke der Anlage mitnutzte. Fest installierte kippbare Stühle gaben einem dabei das Gefühl, sich in einem mittelgroßen Planetarium zu befinden, nur mit Kriegsschiffen und Sonar-Pings statt Sternenkonstellationen und der Synchronstimme von Anthony Hopkins, die was zur Entstehung des Universums erzählt. Außerdem lockten sie eine ausgewählte Menge an Journalisten damit, dass sie in ihrem privaten Bereich eine Bar hatten, die abseits der moralinsauren amerikanischen Öffentlichkeit Alkohol aller Form und Menge anbot, sofern man sich den richtigen Sticker von den richtigen Leuten geholt hatte.
All diese Sticker für ‘Backstage’, Anhänger für VIP-Zugang und vorzeigbare Kärtchen für verwirrte Empfangsmenschen vor den Ständen ergeben eine farbenfrohe Mischung verschiedenster Logos – beim allerletzten Interview der E3 griff ein PR-Mensch noch vorsichtig an das Messe-Badge von Wolfgang Fischer und schubste es so zurecht, dass keines der anderen Logos indirekte Werbung machen konnte.

Warum das ganze Trara? Bei all dem ‘nur Presse!’-Getue ist die Messe voll mit einer Mischung unterschiedlichster Gruppen von ‘Presse’. Ausgeschriebener Special Interest mit Kontakten zu den PR-Menschen darf in der Regel schneller rein und auch zu anderen Terminen, während die allgemeinen Berichterstatter und solche ohne Terminplan überall anstehen dürfen, wenn auch nicht annähernd so lange wie auf einer Gamescom. Übrigens scheint es eine ungeschriebene Regel zu sein, mittags bei Activision aufzulaufen, weil die immer massenweise kostenloses warmes Essen ankarren. Nom. Satt und zufrieden, wie gesagt. Dafür muss man sich an einen solchen Terminplan in der Regel auch halten und rennt schon mal samt Kamera und mit einem Hallenplan in der Hand panisch durch die Gegend auf der Suche nach dem Check-In für Internationale Medien, der nicht immer gut erkennbar und ausgeschildert positioniert ist. Bei Microsoft musste man sich zum Beispiel erst durch Mengen an interessierten Testspielern kämpfen, um irgendwo den passenden Anmeldetisch zu finden, und andere Team-Mitglieder am Stand wussten selber nicht, dass es überhaupt einen gab.

Kurz gesagt: Die E3 ist eine laute, bunte, angeberische, schräge und irgendwie coole Erfahrung. Aber vor allem ist es Arbeit. Solche, bei der man andere filmt, die sich mit Fragen in Interviews abmühen – oder sich eben selber mit Fragen abmüht, während jemand anderers filmt. Wer wenig mit Video zu tun hat muss brav wie im ersten Semester des Studiums alles mitschreiben und eine schlaue Zusammenfassung draus stricken, um so schnell wie möglich die zeitverschobenen Leser in Deutschland wissen zu lassen, wie Mad Max so aussieht (generisch as fuck um den Kollegen Stange zu zitieren – aber cooles Auto).

Und abends … sitze ich mit einem zugeschwollenen Kopf schimpfend vor dem Macbook und versuche, aus dem gefilmten Kram sinnige Videos zusammenzustöpseln, während der Kollege neben mir weitaus routinierter den Windows-Laptop handhabt. Teilweise bis drei, vier Uhr morgends Ortszeit, was dank eines gewissen Jetlags zunächst weniger schlimm ist als gedacht und sich erst am nächsten Tag rächt.

Oh, ich hatte noch kulinarische Ausflüge versprochen. In dem ganzen wirren, bunten amerikanischen Wust des E3-Aufenthaltes gab es natürlich auch Essen, das nicht von Activision behind-closed-doors serviert wurde. So wie sehr kreative Mac’n’Cheese mit Pilzen, Hähnchen und Bacon im Yard House direkt am LA Live, Burger in einem Irish Pub, Kebab mit für den Husten erstaunlich angenehmen Shisha nebenher in einem freundlichen vorderasiatischen Laden und als Krönung Asia-Mampf im sogenannten Wokcano, die ihr Rindfleisch offenbar in eine Mischung aus Soja-Soße und Magie einlegen, bis es zart ist wie Butter. Mein Gesicht beim ersten Bissen löste Gelächter bei den Kollegen aus. Und das alles, bis auf das Kebab, vor der kaputt-futuristischen Kulisse von LA Downtown mit seinen Wolkenkratzern, Pennern und fünfspurigen Einbahnstraßen.

Was Reiseempfehlungen angeht ist das natürlich eine sehr spezielle, aber wer aus der Branche ist, wenig Wert auf Schlaf legt und es gern laut und bunt mag, kann durchaus seinen Spaß mit der E3 haben. Oder ihr besorgt euch einen gewissen E-Fame und tobt eher entspannt, aber eben in der Regel nicht behind-closed-doors durch die Gegend, wie ein gewisser nicht ganz so wütender Joe, über den wir samt Trademark-Lederjacke gleich mehrfach gestolpert sind.

Highlights? Baby-Hammerhaie vorsichtig mit zwei Fingern über den Rücken streicheln, worauf sie irritiert umdrehen und die Hand genauer inspizieren wollen. Hat nichts mit der E3 an sich zu tun, aber dafür fühlen sie sich samtig und weich an und sind überraschend niedlich, wenn man sie mal mit ihren ausgewachsenen Artgenossen vergleicht.