Rollenspiel – und die Regeln

Heute mal ein kurzer Beitrag zu Rollenspielphilosophien – da gibt es vermutlich mindestens so viele von wie Rollenspieler, aber ein paar große Strömungen ziehen sich doch durch den weiten Ozean der Hobbyhelden. Nämlich das akkurate Spiel, bei dem man sich an die Regeln hält und dabei natürlich auch die Schwächen und Stärken des jeweiligen Systems genau kennt und auslotet. Und das erzählerische Spiel, dem Regeln meist ziemlich egal sind und das sich auf die Welt, die Charaktere und die Handlung konzentriert und zuweilen sogar reines Telling, also Spielen ohne auch  nur eine Würfelprobe, heißen kann. Die  meisten Runden liegen natürlich irgendwo dazwischen, aber gestern wurde mir mal wieder klar, dass ich in diesem weiten Feld doch eher auf der regelarmen Seite wachse.

Die Werte-Apokalypse

Dieser Eintrag ist inspiriert von unserer gestrigen Runde Apocalypse World. Wem das nichts sagt – das ist ein Indie-Spiel, in dem man wenig überraschend nach einer Apokalypse spielt, wobei die meisten Details des Settings vom Spielleiter selbst bestimmt werden können. Die Charakterwahl ist dabei auf gewisse überzogene Archetypen beschränkt, wie dem “Chopper”, der als Endzeit-Biker direkt eine Gang mitbringt, oder dem “Battlebabe”, das um so mehr Rüstung hat, je weniger es trägt.

Das System ist sehr schmal, setzt vor allem auf komische Bezeichnungen und coole Aktionen, die an die Klasse gekoppelt sind, und Balancing ist mit Sicherheit auch keine Stärke der Sache. Was mir KOMPLETT egal ist.

Es kam gestern ein neues Rundenmitglied dazu, das mit solchen erzählerischen Rollenspielen noch nicht viel – oder besser gar nichts – am Hut hatte. Und das heillos verloren war. Es gab kein Min-Maxing, keine genauen Werte für die Waffen, die Attribute waren “unlogisch” verteilt. Es wurde mir wieder akut der Unterschied zwischen möglichen Rollenspielphilosophien bewusst, während die Meisterin nach den richtigen Formulierungen suchte und der Spieler wissen wollte, ob Cool oder Hard für ihn der effektivere Wert wäre. Ich erinnerte mich an Shadowrun-Runden mit langen Regeldiskussionen, Nachschlageorgien bei Editionswechseln verschiedener Systeme. Oder wie Numenéra von verschiedenen Leuten drastisch unterschiedliche Bewertungen bekam, das eine großartige Welt und ein kaum vorhandenes System besitzt.

Darauf dachte ich mir, ich sollte mal klarstellen, wie ich Rollenspiel betreibe und betrachte und wie sich das mit Sicherheit auch stark auf Rezensionen auswirkt. Ich habe durchaus Respekt vor einem guten System, bei dem Arbeit ins Balancing gesteckt wurde, das schön skaliert und dabei auch übersichtlich bleibt. Aber es wird für mich immer nur ein Vehikel sein, um Erzählungen zu tragen, und auf keinen Fall über dramaturgische Entscheidungen erhaben sein.

Mir geht es beim Rollenspiel als Hobby nämlich um die gemeinsam erzählte Geschichte. Als Meister  versuche ich, auf alle Spieler einzugehen und ihnen Erfolgserlebnisse und idealerweise auch andere emotionale Momente zu bescheren, als Spieler erwarte ich eben das vom Leiter. Rollenspiel, so wie ich es meist genieße, ist sehr viel mehr eine Anforderung an die Menschenkenntnis und Empathie des Meisters als an seine Regelkenntnisse.

Aber die Fairness!!

Ich habe früher des Öfteren mal über die verschiedenen Ansätze diskutiert und ein Gegenargument gegen zum Beispiel reines Telling oder meisterliches “Mogeln” bei Proben war, dass damit die Fairness doch flöten geht. Meine Überzeugung ist allerdings, dass Fairness am Spieltisch vor allem bedeutet, dafür zu sorgen, dass alle Mitspieler gleich viel Spaß haben. Labertaschen mal einzudämmen, stille Spieler zu fördern, sie in gemeinsame Erlebnisse zu werfen und allen ihre Glanzmomente zu ermöglichen. Also eine Mischung aus Märchenerzähler und Kindergärtner zu sein. Und wenn ein Würfelwurf nur zu Frust und einer Unterbrechung des erzählerischen Flusses führen würde, dann kann er mich mal. Dabei habe ich mit Sicherheit schon ebenso oft zu Gunsten der Spieler wie gegen sie gemogelt, wahrscheinlich sogar deutlich öfter für sie. Fehlschläge dürfen sein, sie können das Spiel extrem bereichern, aber es gehört als Spielleiter dazu, einzuschätzen, ob das nun der Fall wäre – oder eben nicht.

Dein Freund Zufall

Ebenfalls ein Argument gegen das regelarme oder Regeln-ignorierende Spiel ist, dass dann doch alles Meisterwillkür sei und der Zufall nicht mehr ins Spiel käme. Ich kann mich natürlich dennoch für die Spannung beim Würfeln begeistern, wenn alles von einer letzten Zahl abhängt. Wenn das Geschehnis ohne Zutun von mir oder den Spielern in eine andere Richtung gelenkt wird und dadurch auch mehr Dynamik bekommen kann. Das ist bei reinem Telling eher nicht gegeben, aber bei extrem regellastigem Spiel auch nicht. Dann gehen solche Momente unter den hunderten Würfen und Berechnungen unter. Die Balance macht’s.

Aber auch ansonsten heißt das nicht Meisterwillkür, wenn nicht immer oder nur sehr selten der Würfel entscheidet. Das solle vielmehr Dialog mit den Spielern heißen, Rollenspiel ist schließlich ein Mannschaftssport.

Fazit

Ich habe auch schon mehrere Tage in die Erstellung einer Deckerin für Shadowrun gesteckt (sie starb vollkommen regelkonform schon auf dem ersten Run, was vielleicht sauber gewürfelt, aber irgendwie frustrierend war). Ich entspanne mich auch manchmal gerne bei einem simplen Dungeoncrawl, wo ich einfach Zahlen und Bewegungen auf Bodenplänen umsetze. Aber die besten, die mit Abstand denkwürdigsten und schönsten Momente beim Rollenspiel habe ich in den regelarmen, teilweise rein durch Telling laufenden Runden erlebt.

Wie schaut’s bei euch aus? Hoffentlich anders und bunt gestreut. Ich bin ein Freund der Vielfalt (aber wenn ihr mit mir spielen wollen solltet, solltet ihr euch an meinen Stil dennoch gewöhnen ;))

Krass! Neun Dinge, die schon jeder kennt, für’s neue Internet aufbereitet!

… oder: Mein Hass auf “heftige” Beiträge.

Kultur verändert sich. Das ist unaufhaltsam und ich will auch kein Fossil sein, das sich gegen den Fortschritt sperrt. Im Gegenteil – ich dachte mir, ich könne mal der Verkrassisierung des Internets nachhelfen.

Schließlich ist die Währung der Onlinewelt der Klick. Und es hat sich herausgestellt, dass die meisten Klicks durch Überschriften eingefangen werden, die die “geschickte” Leistung erbringen, Neugier zu wecken und Emotionen schon vorab zu schüren, indem ein kumpelhaft-begeisterter Ton angeschlagen wird. Das ist bitteschön kein BILD-Niveau, weil es hier um positive Gefühle oder kathartisches Mitleid geht, nicht umeine grundnegative Einstellung. Ist doch schön, Fremdmaterial von Youtube und anderen Rohstofflieferanten gefühlvoll verpackt weiter zu verbreiten und damit Kohle zu machen. Da stört es auch nicht, wenn das Welpenvideo oder die tanzenden Omas schon ein paar Jahre älter sind. Oder schon hundert Mal anderswo gezeigt wurde.

Dementsprechend dachte ich mir, ich könne doch mal ein paar Dinge aufbereiten, um sie für die neue Generation des Heftig-Lesers aufzubereiten. Jetzt müsste ich nur noch Werbung schalten.

Also: Neun Links, die du so noch nie beworben gesehen hast! Bei Nummer sechs wäre ich beinahe gestorben vor Lachen!

10 Dinge, die du für ein tolles Leben beachten solltest. Nummer 6 ist der Oberhammer!

Dieser Däne täuschte Wahnsinn vor, um alle hinters Licht zu führen. Was dann passiert, werdet ihr nicht glauben!

Dieses dumme französische Partygirl wollte nur Kuchen verteilen – was dann mit ihr passierte ist voll krass. NSFW!

Hässlich: Dieser dumme Troll von einem Kaiser des römischen Reiches deutscher Nation beleidigte den Papst. Was dann passierte werdet ihr nicht glauben!

Die Horde Ossis stürmte ca. 400 nach Christus auf Rom zu und machte alle sprachlos. Wahnsinn! Diese Geschichte wird euer Leben verändern!

Wow! Dieser fette Engländer hatte Stress mit seiner Frau. Wie er das Problem löste, wird dir die Augen öffnen.

Ein Franzose mit Migrationshintergrund besucht seine Nachbarn. Mit den Folgen hat wohl niemand gerechnet. Diese Bilderstrecke haut uns total um!

Wir dachten, die Mauer würde ewig stehen – und dann kippten wir aus den Latschen!

Dieser Witz zieht immer! Wenn du’s nicht glaubst, sieh selbst! Haha!

 

Na, liest sich das nicht viel ansprechender und interessanter? Okay, es liest sich auch deutlich dümmer, aber geben wir es zu: Bei den meisten Menschen regiert (nicht nur) im Internet das Stammhirn und dieser „journalistische“ Trend ist einer Änderung an dieser Tatsache auch sicher nicht dienlich. Um zumindest die Grundlagen von so etwas wie Bildung zu vermitteln, könnte man doch in Zukunft Schulbücher auf diese Art und Weise umschreiben. Ich bin sicher, das käme bei kommenden Generationen besser an als dröge Bleiwüsten, die am Ende noch so etwas wie „Informationen“ oder „Stil“ enthalten!

Um nochmal klar zu machen, was mich so aufregt: Es ist nicht nur, dass Seiten wie heftig.co sich bestenfalls in einer rechtlichen Grauzone bewegen, indem sie Inhalte anderer Seiten einfach ungefragt übersetzen, die sich übrigens genauso in einer Grauzone bewegen (denn auch eine Quellenangabe unter einem irgendwo geklauten Bild ersetzt nicht die Erlaubnis, es verwenden zu dürfen). Es ist auch nicht die Tatsache, dass die Leute hinter diesen Seiten das genau wissen und deswegen ihre Identität und ihren Sitz aufwändig verschleiern. Vielleicht ist es die Häufigkeit, mit der diese „Artikel“ von meinen Freunden auf Facebook geteilt und für „total schöööööööööön“ befunden werden. Es ist aber sicherlich der Beitrag zur Volksverdummung – auch durch die hundertfache Nachahmung, teils durch Seiten, die irgendwann mal cool waren.

LARP: Ein Hobby in weinrot und rosa

Wann hat sich das alles nur angesammelt?

Wann hat sich das alles nur angesammelt?

Das ist nicht der normale Inhalt meines Kleiderschranks. Der ist farblich eher nach der Prämisse zusammengestellt, dass sich schwarz mit allem kombinieren lässt, vor allem aber mit schwarz. Grund für diese Ansammlung von kurios gefärbtem Stoff ist ein Hobby, das ich mit 15 dank Sondererlaubnis der Erziehungsberechtigten begonnen habe.

LARP

Jaja, heute ist doch Star Wars Tag, May the 4th, warum nichts dazu – aber meine nerdliche Verpflichtung zu dem Thema habe ich schon mit der Holonet-Show erfüllt.

Zurück zu LARP (und es ist ja nicht so, als hätte ich nicht auch schon in einer weit, weit entfernten Galaxis gelarpt). Ich nehme an, die meisten Leser wissen, was das ist. Für alle anderen: Live Action RolePlaying ist eine Aktivität, bei der Menschen aus Industrienationen am Wochenende seltsame Sachen anziehen und beschließen, mal etwas Cooleres zu erleben als ihren Alltag. Also Monster zu kloppen, Intrigen zu spinnen, in beliebte Phantasiewelten abzutauchen oder von mir aus (ist ja immer noch Mode) vor Zombies davonzulaufen.

Eine Stunde früher aufstehen auf Con: Locken

Eine Stunde früher aufstehen auf Con: Locken

Bis auf die Zombies habe ich die meisten Spielarten des Hobbies schon durch. Ganz normale Standard-Fantasy-Cons (und damals in den Neunzigern noch mit mies verkleideten Kollegen und übelst selbst zusammengeschusterten Polsterwaffen), “epische” Großcons als Spieler oder NSC, kleine intime (und verdammt gute) Kampagnen, Vampire-Live (das eine ganz eigene Kategorie darstellt) und höchst unterhaltsame Oneshots wie ein Scheibenwelt-LARP oder ein Doctor Who-LARP. Man kann mit einem gut gefüllten Kleiderschrank und Bastelei nahezu alles in ein LARP verwandeln.

Das führt mich zu der etwas seltsamen geistigen Einstellung, die viele LARPer teilen und die zu ebensolchen Kleiderschränken und Sammlungen von burgunderrotem und rosa Stoff führen kann. Nämlich die LARP-Tauglichkeitsbrille. Oft genug steht man als Hobby-Held vor absolut grässlichen Schuhen und denkt sich: “Oh mein Gott sind die furchtbar, die könnte ich für XY gebrauchen!” Und so sammeln sich teils Zimmer voll mit Kram an, mit denen man im Alltag nicht tot gesehen werden will, die am Wochenende aber triumphierend vorgeführt werden. Wie die furchtbaren türkisfarbenen Wildlederstiefeletten aus den Siebzigern an den Füßen einer blauen Twi’lek-Tänzerin. Oder pottenhässliche Leggings und ebensolcher Lippenstift für ein Setting in den Achtzigern. Manchmal ist es echt schwer, Halt zu machen – ich erinnere mich an Freunde, die im Studium jeden Cent umgedreht, aber 500 Euro für beeindruckende Outfits ausgegeben haben. Das klingt ebenso bescheuert wie die meisten anderen Hobbies.

Warum aber rosa?

Dieser Blogeintrag ist auch sowas wie eine Aufforderung an mich, so einiges fertig zu machen und weiter durchzuhalten, was mit dem Stoffberg zu tun hat. Ziel ist es, im Juni auf eine kleine, aber sehr stilvolle Convention zu fahren und das Zeugs anzuhaben. In kleinen, durchsichtigen Stückchen.

Der rosa Stoff ist noch nicht fertig verarbeitet, aber auch in weinrot scheint's durch

Der rosa Stoff ist noch nicht fertig verarbeitet, aber auch in weinrot scheint’s durch

Das Setting ist Das Schwarze Auge, Aventurien, das Horasreich. Dargestellt wird eine Geweihte der Rahja. Für alle nicht DSA-ler: Wir bewegen uns in einer Art Fantasy-Renaissance, alles sehr fancy, und ich werde eine Priesterin einer Göttin spielen, die auf ihrer To-Do-Liste Wein, Rosen, Rausch, Spaß am Leben und guten Sex stehen hat. Aventurien hatte halt immer schon mehr Brüste, als die meisten anderen (und meist amerikanischen) Fantasy-Settings. Es ist eine Rolle, die ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nur auf solchen Cons spielen würde, denn dort wird der Charakter erkannt, respektiert und der Umgang mit der Frau in durchsichtigen Schleierstoffen (aber alles sorgfältig noch jugendfrei) wird in den seltensten Fällen von beschissenen Anmachsprüchen begleitet werden.

Warum genau die Rolle?

Erstens sieht jeder gerne gut aus und Rahjani dürfen sich mit tollem Schmuck behängen und schöne Fantasy-Kleider tragen. Zweitens ist es auch eine Herausforderung – was das Nähen und Basteln angeht, aber auch für das Spielen auf der Con. Den ganzen Tag würdevoll, fröhlich, harmonisch und auch noch philosophisch daherreden und -schreiten … (Zum Glück gilt im LARP ja meistens eine Philosophie des ‘close enough’ wenn man sich nicht wie der letzte Depp aufführt). Und es kommt hinzu, dass es ein guter Anreiz ist, um mal einiges anzugehen und zu verändern.

Was zu tun ist

Es sind schon einige Outfits und Teile von weiteren fertig und es hat sich eine verblüffende Menge an Accessoires angesammelt. Aber weitere Röcke wollen genäht und Mieder bestickt und Ergänzungen gefunden und eingesammelt werden. Vor allem aber schrumpfe ich noch.

Im Gedenken an einen tollen Song auch mal in Metall - statt Nähnadel die Zange geschwungen.

Auch mal in Metall – statt Nähnadel die Zange geschwungen.

Ideale Körperbilder verschiedenster Ausrichtungen in allen Ehren – und ich könnte mich sehr darüber aufregen, wie offenbar kaum jemand den Umfang oder Mangel desselben bei anderen nicht in Ruhe lassen kann –  meins liegt bei noch ein paar Kilo weniger (und dabei sind schon einige wieder runter).  Das ist nicht einfach, denn Zitat meines letzten Arztes auf die Frage hin, ob es mit der derzeitigen medikamentösen Behandlung zusammenhängen könne, dass es nicht bergab geht: “Nein, Sie sind einfach  nur der Typ Mensch, der schwer abnimmt.”

Na danke. Also zu Fitness-Studio auch noch eine sehr, sehr ausgewählte Ernährung dazu und Noch. Mehr. Ausdauertraining.

Und weil ich den ganzen Kram online packe, kann ich auch nicht mehr so tun, als wäre das gar nicht der Plan gewesen, und muss dranbleiben ;). Ich  halte dann mal in Zukunft euch (und natürlich mich offiziell) auf dem Laufenden, wie es mit dem Nähen und allem anderen voran geht. Schönen vierten Mai noch! Ich muss jetzt unter großen seelischen Schmerzen einen Sari zerschneiden, der ein Rock werden soll.