Der Hobbit ist vorbei

Und damit haben wir es hinter uns. Smaug weg, Ork weg, alles weg, Bilbo heim – und zurück bleibt nach dem dritten Film irgendwie das Gefühl, zwei Liter lauwarmen Grießbrei gegessen zu haben. Ich bin ordentlich mit Bildern gefüttert, aber irgendwie ist die Sättigung schal, langweilig und ohne Würze. Ein wenig mag dazu HFR und hohe Auflösung beigetragen haben, die irgendwie durch die höhere Tiefenschärfe auch einem noch so teuren Film den Charme einer Fernsehdoku verleihen können. Der Film hat mir nicht so recht gefallen, wie man vielleicht herauslesen kann, aber so richtig aufregen konnte ich mich auch nicht. In erster Linie schien er mir wie eine lange Liste verpasster Gelegenheiten – und immer denkt man kurz bei einer Szene ah! Jetzt! Ja! Da kommt Elan und etwas Epik! Und dann bügelt der nächste holprige Abschnitt direkt wieder drüber.

Ich denke, die meisten hier werden wissen, was in so einer Schlacht der Fünf Heere vorzukommen hat, und genau das ist drin, plus Darstellung der Austreibung Saurons und dem Extra-Elben-Content mit zwergischer Liebelei. Einige Zeilen sind direkt so aus dem Buch übernommen, was ja auch immer ein schöner Bonus ist für alle, die es kürzlich noch gelesen haben. Und es ist begrüßenswert, dass bei dem doch etwas komplexeren hin und her tatsächlich nie die Übersicht verloren geht. Man weiß immer, wer wo kämpft. Teils vage wird es bei der Frage danach, wo jemand gerade herkommt, um da zu sein, und warum die Leute überhaupt gerade kämpfen.

Der Coolness-Faktor ist auch ausreichend gegeben und auf Jahre hinaus werden die Cosplayer zu tun haben. Allein das neue Outfit von Thranduil wird, so denke ich, auf den nächsten Ring- und Hobbit-Cons gleich dutzendfach einherschreiten, so schick ist das. Heldencharaktere können ganz klar auch nur von besonderen Schurken verletzt werden und hundert Orks ohne tollen Namen sind kein Problem. Elben betreiben allesamt Extrem-Legolassing, wobei Legolas sich inzwischen zum Ultra-Legolassing hochgearbeitet hat und nicht auf Schilden surft, sondern gleich auf Türmen, und dabei auch auf herabfallenden Steinen laufen kann wie ein Kampfsport-Anime-Held. Vieles von dem oft überzogenen und epischen Tamtam hat mir auch sehr gefallen wie effiziente Zwergenphalanxen mit Elben im Huckepack und eine ganzen Reihe echt toller Reittiere, von Thranduils Megaloceros über das Reitschwein von Dáin bis hin zu gesattelten Steinböcken, die ihr eigenes klippenkletterndes Tier-Legolassing betreiben. Das gehört schon irgendwie dazu, wenn Peter Jackson Mittelerde verfilmt, und dafür geht man ja auch ins Kino.

Wofür ich nicht ins Kino gehen muss, ist absolut sinnloser, vorhersehbarer und ausgesprochen unlustiger Comic Relief. Auch willenlos inszenierte, hölzerne Szenen, wo Leute im Hintergrund auf die Bühne ploppen, zwei Zeilen Exposition sagen und damit ein „Oh, dann müssen wir XY tun“ auslösen, gehören nicht in die Kategorie leinwandwürdig. Eine hilflose Aneinanderreihung von Szenenschnippseln, die sich auf keine einheitliche Stimmung einigen können, kann ich mir auch auf dem heimischen Fernseher anschauen.

Aber vielleicht sind die hölzernen Szenen und seltsamen Stimmungswechsel eine Folge davon, dass offenbar den Schauspielern zu wenig an eigener Leistung zugetraut wurde. In den meisten Fällen, wo so etwas wie Intensität aufgebaut werden soll, wird direkt mit ominösen Schatten, seltsamen Schnitten und Stimmfiltern nachgeholfen, damit wir auch ja verstehen, dass die Person gerade komisch drauf ist. Als wäre der Schauspieler nicht vielleicht selber in der Lage gewesen, uns dass durch seine Leistung zu vermitteln. Überhaupt wirkt es, als wären die Darsteller, egal wie hochkarätig sie teils sein mögen, in erster Linie Staffage auf der großen Bühne der Special Effects. Das mag mittlerweile ja auf nahezu alle großen Filme zutreffen, schade ist es aber dennoch. Martin Freeman und Ian McKellen bekommen ein paar Momente zugestanden, in denen sie tatsächlich einfach etwas selber vermitteln dürfen, ohne dass mit groß Brimbamborium drumherum gefuhrwerkt wird, und das gibt einem ein paar Momente zum Durchatmen und wieder so etwas wie Emotionen mit dem Film verbinden, aber dann rennt der nächste Troll lustig-slapstick-mäßig durch eine Wand. Nichtmal mit Musik kann das noch gerettet werden, die tatsächlich überraschend in den Hintergrund tritt und zwar da ist, aber keine großen Momente hat.

Ich frage mich akut ein wenig, wie es zu dem für mich so deutlichen Unterschied zwischen Hobbit und Herr der Ringe kommt. Bin ich mit der Zeit zynisch und genervt geworden oder war die HdR-Trilogie tatsächlich bei allem Bombast immer auch viel emotionaler, eingängiger und menschlicher? Sind es die vielen geradezu überzähligen Stränge, Figuren und Schauplätze, die dem Hobbit am Ende nicht gut tun? Das mangelnde Vertrauen darin, ein Publikum zu fesseln, ohne es mit allem zuzuwerfen, was die Nachbearbeitung hergibt? Oder der Versuch, möglichst Verbindungen herzustellen, die keinen Sinn machen, nur damit der Herr der Ringe und verschiedene Schauplätze  irgendwie mit der Haupthandlung verknüpft werden?

Es sind nicht kleine, aber eher amüsante Unstimmigkeiten wie Dinge, die aus dem Nichts auftauchen und sich wieder dahin begeben, ob das nun Pfeile, Reittiere oder ganze Familien sind. Das ist Futter für kommende Persiflagen und vollkommen verzeihbar. Es sind auch nicht angeklebte Bärte, die man im gestochen scharfen Bild einfach zu deutlich sieht.

Es ist vielleicht einfach, dass niemand so recht wusste, was dieser Film liefern will. Episch dort ansetzen, wo Smaug so bedrohlich gen Seestadt geflogen ist? Nope, Smaug wird eher zu einer Randnotiz, die man auch noch ans Ende des zweiten Films hätte packen können. Eine Sammlung lustiger Eskapaden von Alfrid, dem feigen Sidekick von Stephen Frys Bürgermeister von Seestadt? GEHT MIR WEG MIT ALFRID!!

… *durchatmen*

ES IST FAST 2015 UND WIR SOLLEN IMMER NOCH LACHEN, WENN  EIN MANN FRAUENKLEIDER TRÄGT? DAS IST DER HÖHEPUNKT DES HUMORS FÜR EUCH??

*nochmal durchatmen*

Eindringlich zeigen, wie die Figuren der Gier verfallen, um sich dann von ihr zu befreien? Ja, hätte es mal werden können, wenn man das nicht mit der Subtilität eines Vorschlaghammers angegangen wäre.

Einfach eine coole Schlachtplatte liefern? Jopp, okay, dann hätte man aber bitte viel des motivationslosen Drumherums streichen können.

… einen tollen Showdown zwischen Thorin und Ober-Ork Azog inszenieren? DAS ist gelungen. Eine der wenigen schönen, starken, stimmigen Szenen. Während dann nebenan Legolas und Co. gefühlte 30 Minuten brauchen, um die Ober-Ork-Zweitbesetzung Bolg mit immer unsinnigeren Moves zu zerschnetzeln, was das ein klein wenig wieder schmälert. Mehr von dieser weniger überzogenen, gut inszenierten und tatsächlich spannenden Dramatik – und das, wo vermutlich jeder weiß, wie es ausgehen wird – genau das hätte ich mir gewünscht.

Aber nicht reingehen, das wäre auch nicht gegangen. Also: Ich war im Hobbit. Jetzt ist er vorbei. Und ich bin nicht traurig. Was wiederum traurig genug ist.

Von Übersetzungen und Gruppenfinanzierung

numeIch übersetze tierisch gerne. Ich kann gar nicht mal wirklich sagen warum, aber es kitzelt genau die richtigen Regionen in meinem Hirn, um mich beim Arbeiten zufrieden dahintippseln zu lassen. Vielleicht ist es einfach eine gewisse Begeisterung für Redewendungen und ungewöhnliche Vokabeln in allen Sprachen oder irgendeine tolle Verkabelung im menschlichen Hirn, die zufällig den Effekt hat, aber wenn ich übersetze, geht es mir meistens gut. Und es geht deutlich schneller und zufriedenstellender von der Hand als etwas Eigenes zu schreiben, bei dem ich endlos auf den Knöcheln beiße und mich frage, ob die Texte überhaupt etwas taugen.

Außerdem hat es etwas mit Begeisterung zu tun. Nicht jeder kann super Englisch, hat vielleicht kein Interesse daran oder mehr Zeit in andere Fremdsprachen oder noch ganz andere Gebiete investiert. Dadurch sind dann ganze Buchreihen, Filme, Comics etc. immer erst mit Zeitabstand oder zuweilen gar nicht mit anderen zu teilen, um sich wie Fangirls kichernd über Plot und Charaktere auszutauschen. Zugegeben, Serien oder Filme simultan zu übersetzen habe ich dann doch auch wegen des Nerv-Faktors für alle Beteiligten und der vielen Ähs nicht gemacht, aber PC-Spiele, gerade aus der noch nicht vollvertonten Zeit, oder einzelne Wendungen und Zitate: Aber sowas von. Und Kapitel von Romanen, um andere anzufixen. Geld habe ich für so etwas schon in der siebten Klasse bekommen, entweder bar als ein paar Pfennig oder in Form von Space (eine am Schulkiosk erstehbare Süßigkeit, seither nie wieder angetroffen) für das Übertragen von Songtexten ins Deutsche. Damals gab es halt noch nicht wirklich ein Internet …

Aber weg von der Nostalgie (hey, meine Schulzeit war nicht nur ätzend! Eine späte Erkenntnis 😉 ) zum aktuellen Anlass: Es sieht so aus, als würde das Crowdfunding auf Startnext zum Rollenspiel Numenera funktionieren, bei dem ich den Taktstock als Redakteurin und Übersetzerin schwingen würde. Zwei Tage, fast 10.000 Euro. Ich bekomme also die Chance, eines meiner Fangirl-Objekte zu übersetzen. Es zu teilen, mit anderen. Und auf eben diese seltsam zufriedenstellende Art und Weise über Neologismen, ungewöhnlichen Wendungen und Systembegriffen zu brüten. Effort, Edge und Pool – übersetzen oder wie Shadowrun einfach die Schultern zucken und so lassen? Wie die Foki für die Charaktere übertragen, so dass sie in deutscher Grammatik nicht klingen wie von Google? Was mit dem Begriff des „Cypher“ machen (bei dem auch einige für das Belassen des englischen Begriffs plädieren …)? Ich bin normalerweise eher ein etwas problemscheuer Mensch, aber das liebe ich. Und wer mitreden will, kann das schon für einen Euro, weil wir über vieles auch abstimmen und Anregungen einholen werden. Mein aktueller Favorit (auch wenn nicht ganz ernstgemeint und vermutlich durch den Ursprung meiner Comic-Begeisterung in den Neunzigern gefärbt) ist der Vorschlag vom Mini-mini-Workshop auf der Dreieichcon, aus dem Jack (-of-all-trades) als Charakter-Archetyp „Robin“ zu machen. Multigeschlechtertauglicher Vorname mit Assoziationen zu verschiedenen Helden … ^^. Numenera hat genau den Umgang mit Sprache, den ich liebe und vor allem irrsinnig gerne übertrage und in einer anderen Sprache zu rekonstruieren versuche. Wie Schokolade für das Sprachzentrum.

Also, langer Rede kurzer Sinn: Danke an alle, die sich beteiligen! Ihr kriegt ein Buch/eine Box/alle Zusätze, die wir noch finanziert bekommen – ich bekomme die Gelegenheit, dieses Rollenspiel in meiner Arbeitszeit zu übersetzen und nicht spätabends nach allen anderen Aufträgen. Denn übersetzen würde ich es ohnehin – in meiner eigenen Spielrunde sind nicht alle flüssig im Englischen ;).

Und wie es mit dem Plan steht, während ihr das hier lest, könnt ihr hier feststellen: Numenera auf Startnext.