Der Hobbit: Smaugs Einöde – Kritik und Reiseführer

Der Hobbit: Smaugs Einöde

- oder: Zwerge glauben nicht an Geländer

Geschafft – ich war drin, englisches Original weil Cumberbatch-Drache. Und starten wir mit dem Positiven: Smaug ist eine Schau. Sehr schön designt mit einem Gesicht, das einerseits sehr gut mit Mimik funktioniert, andererseits von der Kopfform im Profil zu alten Illustrationen passt. Und natürlich wirkt er auch wunderbar fies und ist beeindruckend gut animiert. Das ergänzt die Stimmschauspielerei von Benedict Cumberbatch hervorragend, der das Schuppenvieh eitel, selbstverliebt und boshaft zum Leben erweckt. Wie das massige Monster sich durch seinen lächerlich umfangreichen Schatz schlängelt und mit Bilbo Beutlin parliert ist ganz klar ein Highlight des Films. Und Bilbo selber natürlich auch – Martin Freeman schwankt schön zwischen putzigem Hobbit und teils schon gruseligem Ringträger. Und irgendwie habe ich jetzt den Drang, mal wieder Sherlock zu schauen …

Oh, es wird übrigens im weiteren Verlauf leichte Spoiler geben.

Hastig gen Erebor

Am Anfang lässt sich der Film erstaunlich wenig Zeit. Hoppla, Orks – holla ein Beorn! Und dann Spinnen und weiter zu den Elben und dann Fässer undsoweiterundsofort. Es gibt keine großen Überraschungen, der in manchem Poster angedeutete große Showdown zwischen Weißem Rat und dem Nekromanten bleibt aus -ich schätze das bleibt uns ebenso wie die Schlacht der Fünf Heere für Teil 3 übrig, denn irgendwie muss man jetzt noch einen weiteren Film mit genügend Stoff füllen, da bieten sich die “Off-Camera”-Szenen der Vorlage ja an.

Es gibt nur zwei große Abweichung von dem, was man von Teil zwei anhand des Buches zu erwarten hatte, und eine davon ist eine Menge Aktion im Erebor selber. Was ich durchaus gut finde, ist doch schön die Zwerge mal ein bisschen eigenständig in Aktion zu sehen und für Jackson-Verhältnisse ist das alles trotz Loren, Kettenaufzügen, Schmelzöfen und lächerlich viel Gold sogar gar nicht mal so sehr over the top.

Die zweite Abweichung ist was für die Mädchen, obwohl ich mir auch von heterosexuellen Männern habe bestätigen lassen, dass es gut erzählt und unterhaltsam ist. Es finden sich ja zwei auffällig unknubbelige Jungzwerge in der Gemeinschaft – und Kili, der mit den dunklen Haaren, bekommt so richtig viel Screentime und ein bisschen Romanze. Mit Evangeline Lilly auch noch! Sowas. Die Änderungen rings um diese Story dürften einem Tolkien zwar die Pfeife aus dem Mund fallen lassen, aber es sind nun mal andere Zeiten.

Die Erzählstruktur ist insgesamt besser als Teil eins, der aus einem Dutzend Episoden à la “Zwerge geraten albern in Gefahr und werden von jemand anderem gerettet” bestand und wir sehen eine ganze Reihe schöner neuer Schauplätze. Die Musik bleibt dafür nicht so im Ohr, das prägende und schöne Misty Mountains-Thema wird mit eben den Misty Mountains zurückgelassen und spielt keine tragende Rolle mehr – und es findet sich kein adäquater Ersatz. Passend dazu dudelt unter dem Abspann ein erschreckend vergessbarer Song mit schlaffer Männerstimme. Den werde ich garantiert nicht wie anno dazumal Gollum’s Song oder Into the West unterbewusst vor mich hinbrummen … allein schon weil ich zwei Sekunden nach Verlassen des Kinos nicht mehr wusste, wie die Melodie ging.

Aber seien wir mal ehrlich: Erneut ist der Hobbit wieder eine Mittelerde-Reisebroschüre, teils Werbung für Neuseeland und teils für die Bastel- und Animationskunst der Weta Workshops. Auch wenn man bei den Animationen immer mal wieder den Eindruck erhält, dass für Smaug und einen diesmal doch weniger störenden Azog so viel Ressourcen draufgingen, dass an anderen Ecken nur gerade die Mindesthöhe gesprungen wurde, um irgendwas auf die Leinwand zu bringen. CGI-Pferd für Legolas WTF?? Vermutlich wurde wieder bis in letzter Sekunde dran gestrickt.

Zurück zum Reiseführer. Der könnte in geschriebener Form so aussehen:

Beorns Hütte – ein Paradies für Befellte

Wenn Sie sich in den mittleren Anduintälern nahe des Düsterwaldes wiederfinden, besuchen Sie unbedingt Beorns Hütte! Diese Unterkunft ist noch ein Geheimtipp und bietet einen rustikal-warmen Charme, den Sie kaum in dichter besiedelten Regionen wie Gondor oder dem Auenland finden können. Der Betreiber des Hauses, der namensgebende Beorn, ist als ehemaliger Kriegsgefangener und letzter seiner Art zwar bärbeißig, hat aber ein Herz für alles mit plüschigem Fell – von Highland-Rindern bis hin zu seiner Spezialzüchtung lächerlich großer CGI-Bienen. Sollten Sie selbst über ein haariges Gemüt oder eine lächerliche Frisur verfügen (jeder Zwergenbarbier kann Ihnen hier mit ein paar Zöpfen und auftoupierten Haarteilen aushelfen) können Sie sich hier auf ein mittelprächtig warmes Willkommen und hervorragende Milch mit Honig freuen. Solange ihr Gastgeber menschlich ist, heißt das.

Wer die weitere Reise nicht zu Fuß zurücklegen will, kann hier Pferde und Ponies mieten, die nach dem gefühlt fünfminütigen Ritt zum Düsterwald auch alleine wieder nach Hause finden und gerne in orkverseuchten Regionen ausgesetzt werden.

Der Düsterwald – eine Herausforderung auch für erfahrene Wanderer

Für den Düsterwald sollten Sie sich auch auf den besser gepflegten Wanderwegen einen guten, ortskundigen Führer zulegen. Sollte Sie dieser bei Betreten des Waldes spontan wegen anderer Angelegenheiten verlassen müssen … dann halten Sie sich besser an die festen Pfade. Eine Abwehrmaßnahme der Waldelben, ein verzauberter Bach, könnte Ihnen hier einige Probleme bereiten. Wenn Sie aber gar nicht die Zeit haben, sich so so weit zu verlaufen, dürften auch nur die Pollen des Waldes an sich reichen, um Sie zu verwirren.

Achten Sie auf Spinnweben. Ganze eingesponnene Zonen können spontan aus dem Nichts auftauchen (ähnlich wie sich der Düsterwald ohne Übergang aus dem Grasland erhebt) und Sie vollkommen überraschen. Die Riesenspinnen des Düsterwaldes sind für Arachnophobiker zwar ein Graus, aber gar nicht so gefährlich, wie sie aussehen. Sie brauchen ewig, um tatsächlich einmal zuzubeißen – wer vermeiden kann, eingesponnen zu werden, kann sich durch Treten, Schlagen und Beine-Ausreißen mühelos wehren. Oder einfach darauf warten, dass eine elbische Truppe des Cirque du Soleil durchturnt und während ihren Trapezübungen die restlichen Spinnen erledigt.

Thranduils Hallen – Wein, Elbenweib und Gesang

Es ist nicht ganz einfach, anders als Gefangener in die Hallen des Elbenkönigs zu gelangen. Haben Sie einen magischen Ring, schleichen Sie sich einfach rein – ansonsten sollten Sie darauf zählen, dass sich ein gutaussehender Mann (egal welcher Rasse) in ihrer Gruppe befindet, der eine Elbenfrau bezirzen kann. Denn die gibt es entgegen anderslautender Gerüchte tatsächlich und auch wenn sie nicht immer ganz elbisch wirken mögen so haben sie doch einiges zu tun und zu sagen und kämpfen auch mit. Also eine wenigstens, der Rest der Siedlung besteht aus Männern oder geschlechtlich nicht zuzuordnenden Elben.

Diese Elben trinken auch gerne, nein sie saufen. Also könnte auch ein Gastgeschenk guten Weines oder von hübschem Schmuck (König Thranduil ist bekannt dafür, ganze Bijou Brigittes leerzukaufen) ein Ticket in die Hallen bedeuten. Idealerweise reisen Sie von hier aus per Fass weiter, die Vergnügungsfahrten über den wilden Fluss werden von allen erfahrenen Düsterwaldreisenden als höchst unterhaltsam und praktisch ungefährlich empfohlen.

Seestadt – Komödien und frischer Fisch

Lassen Sie sich von Seestadts biederem, pittoreskem Erscheinungsbild nicht täuschen. Der kleine Ort im Schatten des Erebor hat praktisch keine normalen Einkommensquellen mehr und hat sich deswegen auf Satire, Kabarett und Farce spezialisiert. Je wichtiger die Position in der Stadt, desto mehr Erfahrung muss der Komödiant mitbringen. Viele Beamten sind daher nahezu ständig in ihrer Rolle und verkörpern überzogene Grießgrame, traurige Clowns oder dümmlich-leichtgläubige Saufnasen. Offiziell darf man nicht einfach so einreisen, aber das ist nur ein Vorwand, um auch Gäste zu Schabernack anzustiften. Das Publikum wird so Teil einer Performance und soll sich in Fischfässern einschleichen, humorvoll durch Toiletten in Häuser klettern und auf den Zehenspitzen über Stege huschen, immer in Erwartung des nächsten Tuschs. Manch einer mag die Ansätze Seestadts für Plagiarismus halten und auf Ähnlichkeiten zu bekannten britischen Formaten wie Black Adder oder Monty Python hinweisen, aber all das persönlich am eigenen Leib zu erleben ist immer noch etwas ganz anderes. Tipp: Bringen Sie einen albernen Hut mit, alternativ gestalten Sie ihre Frisur möglichst eindrucksvoll-überzogen (erneut empfehlen wir zwergische Barbiere). Man wird sie in Seestadt lieben.

Thal

Thal ist verlassen und eine irgendwie unecht wirkende Ruine. Eigentlich gibt es nichtmal wirklich einen Zugang dahin. Wie sie überhaupt gebaut worden ist, ist uns ein Rätsel. Wir empfehlen, sie einfach aus sicherer Entfernung auf dem Weg zum Erebor zu begutachten und ein paar Schnappschüsse zu machen. Eine übernatürliche Aura sorgt dafür, dass nahezu jedes Bild, auch wenn es am Originalort aufgenommen wird, hinterher aussieht wie vor dem Greenscreen gemacht.

Erebor – Gold und Wellness

Der derzeitige Hauptbewohner des Erebor ist der Drache Smaug, aber lassen Sie sich davon nicht von einem Besuch abschrecken. Die riesige Echse zieht in der Regel Konversation einer direkten Auslöschung vor und selbst wenn sich Smaug zum Angriff entscheidet (was gute 20 Minuten unterhaltsamen Parlierens dauern kann), kann man sich zwischen den Haufen aus Gold und den vielen Säulen in Erebors Hallen gut verstecken. Außerdem gilt Smaugs tiefe Bassstimme als der Gesundheit zuträglich und es wird bei verschiedensten Krankheiten von Schuppenflechte bis Depression empfohlen, sich in einer gut versteckten Ecke bis zu einer halben Stunde seiner Konversation auszusetzen.

Gold ist, abgesehen vom Drachen, das Haupteinrichtungsthema des Erebor. Um ihre ohnehin schon beträchtlichen Schätze noch größer und lächerlich überdimensional wirken zu lassen haben die Zwerge vor ihrem Auszug große Berge an Abraum angehäuft und anschließend das Gold darüber drapiert, um eine bis zu 17-fach größere Menge anzudeuten. Ein Bad in den Goldmünzen gilt als fast größtes Vergnügen beim Besuch des Einsamen Berges.

Besonders berühmt aber sind die Behandlungen mit geschmolzenem Gold. Normales geschmolzenes Gold sieht so aus:

Das edle Metall schmilzt ohne Beimengung erst bei über 1000 Grad Celsius. Kontakt mit flüssigem Gold führt daher zu schweren Verletzungen und die Masse gibt eine enorme Hitze ab, die auch den Aufenthalt in der Nähe unerträglich bis hochgefährlich macht und gute Schutzmaßnahmen erfordert. Bei den großen Mengen flüssigen Goldes, die in den Hochöfen der Zwerge vom Einsamen Berg dank unverderblicher und unsichtbarer Heizmaterialien erzeugt werden, sollte man also damit rechnen, dass die Schmiede nur in Asbestanzügen zu betreten sein dürfte.

Glücklicherweise fügen die Zwerge hier dem Gold etwas Einhornmist hinzu, wodurch es eher so wirkt:

Nein … eigentlich ziemlich genau EXAKT so. Wir empfehlen Lorenflussfahrten auf geschmolzenem Gold (die Temperatur ist so niedrig, dass Sie sich keine Sorgen um die Wärmeleitfähigkeit von Stahl machen müssen) oder gar Ganzkörperbäder. Die Flüssigkeit perlt wieder ab.

Bei all diesen Wellness-Angeboten sollten Sie aber nicht zu entspannt und unaufmerksam werden. Im Erebor existiert kein einziges Geländer, um die zahllosen teils hunderte von Meter über dem nächsten Boden erbauten Stege zu sichern. Das soll eine Maßnahme gewesen sein, um die Trunksucht der Minenarbeiter durch Abschreckung einzudämmen. Heute verstößt es allerdings gegen zahlreiche Bausicherheitsvorschriften, weswegen die Spa-Anlagen im Erebor nur ohne Lizenz arbeiten können, dafür sind sie aber ausgesprochen günstig. Buchen Sie noch heute, bevor der Drache noch geht und der einsame Berg von Touristen überlaufen ist!

Damit schließe ich und sage: Der zweite Hobbit ist besser erzählt, aber an sich ein typischer zweiter Teil, der nur auf den ganzen Showdown im dritten Abschnitt hinarbeitet. J’adore und schöne Feiertage!

Ein Gedanke zu “Der Hobbit: Smaugs Einöde – Kritik und Reiseführer

  1. Ich kann mich dem wieder nur anschliessen. Mir hat das Herz geblutet, als der Film vorbei war und die tolle Musik aus dem 1. Teil nicht einmal lief. Und auch der Rest ist, wie du es sagst; in jedem Fall kann man mit dem Film sehr viel Spass und Freude haben – wenn man nicht zur “Auf Seite 237 steht aber dass Kili ‘Ha’ macht, im Film macht er aber ‘Ho’, das find ich doof”-Fraktion zählt :)

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