Krass! Neun Dinge, die schon jeder kennt, für’s neue Internet aufbereitet!

… oder: Mein Hass auf “heftige” Beiträge.

Kultur verändert sich. Das ist unaufhaltsam und ich will auch kein Fossil sein, das sich gegen den Fortschritt sperrt. Im Gegenteil – ich dachte mir, ich könne mal der Verkrassisierung des Internets nachhelfen.

Schließlich ist die Währung der Onlinewelt der Klick. Und es hat sich herausgestellt, dass die meisten Klicks durch Überschriften eingefangen werden, die die “geschickte” Leistung erbringen, Neugier zu wecken und Emotionen schon vorab zu schüren, indem ein kumpelhaft-begeisterter Ton angeschlagen wird. Das ist bitteschön kein BILD-Niveau, weil es hier um positive Gefühle oder kathartisches Mitleid geht, nicht umeine grundnegative Einstellung. Ist doch schön, Fremdmaterial von Youtube und anderen Rohstofflieferanten gefühlvoll verpackt weiter zu verbreiten und damit Kohle zu machen. Da stört es auch nicht, wenn das Welpenvideo oder die tanzenden Omas schon ein paar Jahre älter sind. Oder schon hundert Mal anderswo gezeigt wurde.

Dementsprechend dachte ich mir, ich könne doch mal ein paar Dinge aufbereiten, um sie für die neue Generation des Heftig-Lesers aufzubereiten. Jetzt müsste ich nur noch Werbung schalten.

Also: Neun Links, die du so noch nie beworben gesehen hast! Bei Nummer sechs wäre ich beinahe gestorben vor Lachen!

10 Dinge, die du für ein tolles Leben beachten solltest. Nummer 6 ist der Oberhammer!

Dieser Däne täuschte Wahnsinn vor, um alle hinters Licht zu führen. Was dann passiert, werdet ihr nicht glauben!

Dieses dumme französische Partygirl wollte nur Kuchen verteilen – was dann mit ihr passierte ist voll krass. NSFW!

Hässlich: Dieser dumme Troll von einem Kaiser des römischen Reiches deutscher Nation beleidigte den Papst. Was dann passierte werdet ihr nicht glauben!

Die Horde Ossis stürmte ca. 400 nach Christus auf Rom zu und machte alle sprachlos. Wahnsinn! Diese Geschichte wird euer Leben verändern!

Wow! Dieser fette Engländer hatte Stress mit seiner Frau. Wie er das Problem löste, wird dir die Augen öffnen.

Ein Franzose mit Migrationshintergrund besucht seine Nachbarn. Mit den Folgen hat wohl niemand gerechnet. Diese Bilderstrecke haut uns total um!

Wir dachten, die Mauer würde ewig stehen – und dann kippten wir aus den Latschen!

Dieser Witz zieht immer! Wenn du’s nicht glaubst, sieh selbst! Haha!

 

Na, liest sich das nicht viel ansprechender und interessanter? Okay, es liest sich auch deutlich dümmer, aber geben wir es zu: Bei den meisten Menschen regiert (nicht nur) im Internet das Stammhirn und dieser „journalistische“ Trend ist einer Änderung an dieser Tatsache auch sicher nicht dienlich. Um zumindest die Grundlagen von so etwas wie Bildung zu vermitteln, könnte man doch in Zukunft Schulbücher auf diese Art und Weise umschreiben. Ich bin sicher, das käme bei kommenden Generationen besser an als dröge Bleiwüsten, die am Ende noch so etwas wie „Informationen“ oder „Stil“ enthalten!

Um nochmal klar zu machen, was mich so aufregt: Es ist nicht nur, dass Seiten wie heftig.co sich bestenfalls in einer rechtlichen Grauzone bewegen, indem sie Inhalte anderer Seiten einfach ungefragt übersetzen, die sich übrigens genauso in einer Grauzone bewegen (denn auch eine Quellenangabe unter einem irgendwo geklauten Bild ersetzt nicht die Erlaubnis, es verwenden zu dürfen). Es ist auch nicht die Tatsache, dass die Leute hinter diesen Seiten das genau wissen und deswegen ihre Identität und ihren Sitz aufwändig verschleiern. Vielleicht ist es die Häufigkeit, mit der diese „Artikel“ von meinen Freunden auf Facebook geteilt und für „total schöööööööööön“ befunden werden. Es ist aber sicherlich der Beitrag zur Volksverdummung – auch durch die hundertfache Nachahmung, teils durch Seiten, die irgendwann mal cool waren.

7 Gedanken zu “Krass! Neun Dinge, die schon jeder kennt, für’s neue Internet aufbereitet!

  1. Erstmal: Danke an Zam für’s teilen!

    Witzigerweise ist das Thema “Reißerische Überschriften und minimalistischer Artikel” eines, das mich auch seit einiger Zeit verstärkt beschäftigt, denn ich finde auch, dass diese Art Artikel zu bewerben (gestern gelesen, dass es als “Buzzfeed-Stil” bezeichnet wird) einfach nur dumm ist. Ich sehe das genau wie Du Mháire, diese Überschriften verleiten zum Klicken, weil sie mit einfachsten Stereotypen spielen und Neugier wecken – nur um diese dann mit dummdreisten Inhalten zu bedienen. (Scheint übrigens auch in den anderen Massenmedien zu funktionieren – die Katze, die das Kind vor dem Hund beschützt? Gestern als “human interest”-Story bei N24tv in der Nachrichten-Rotation!)

    Natürlich gibt es aber auch Medien, die das Format wieder brechen und intelligente Artikel dahinter positionieren, aber das macht die große Masse von dämlichen Überschriften auch nicht besser.

    Bin mal neugierig, was der Mensch, der das Thema hier: http://medienstratege.de/2014/02/strategisch-gesehen-lasst-uns-buzzfeed-wagen/ aufgegriffen hat, dazu zu sagen hat – denn den schau ich mir in den kommenden Wochen mal persönlich an. :)

    Ach ja (PS): Schön Dich auf der RPC gesehen zu haben. ;)

  2. Ich habe auf keinen der Links geklickt. Aus Prinzip. Aber ich kenne das von Dir beschriebene Phänomen nur zu gut. Wir leben in einer Zeit der Copy-Paste-Kultur, wo lieber “geshared” wird, statt etwas eigenes zu erschaffen. Das liegt sicher auch an der Flut der Reizangebote und der mangelnden Übersicht des Einzelnen. Bedenklich finde ich, dass auch weitgehend seriöse Seiten aktuell mit solchen “heftigen Headlines” ihre durchaus interessanten Artikel bewerben um die Klickzahlen hochzutreiben. Dadurch nutzen sich Worte wie “episch”, “awesome” oder “geniel” nur noch schneller ab.

  3. Hallo M,
    eine interessante Sichtweise aber es überrascht mich nicht wirklich, daß Dinge die gut laufen immer wieder und wieder einfach nur kpiert werden. Du brauchst ja blos mal das Radio an zu machen, klingt alles gleich. Die Mode – immer wieder das selbe alle 10 Jahre, Kino, TV, Nachrichten, Witze … immer das selbe neu verpackt. Gerade im Internet, der großen allwissenden Müllhalde, wo Daten niemals altern und auch (noch) keinen Verfall kennen gibt es immer einen der es noch nicht kennt.
    Deine Beispiele haben mich auf eine Idee gebracht. Vieleicht sollten Geschichtslehrer mal ihren Unterricht mit ähnlich “gepimpten” Leitsätzen anpreisen, dann hören vieleicht auch die dümmsten mal zu.
    Liebe Grüße, Nexus

  4. Der Hintergrund sind natürlich die Klickzahlen. Denn was die Reichweite/Auflage der Printmedien ist, sind die Klickzahlen im Online-Bereich. Das ist die Währung wonach sich Werbeeinnahmen/Anzeigenpreise generieren. Also versucht jeder, mit allen Mitteln, die User dazu zu bringen, auf ihre Seite zu klicken. Am offensichtlichsten ist das bei den Fotostrecken, wo man sich durch 10 und mehr Fotos durchklicken darf, und jeder Klick einzeln gewertet/gezählt wird, beispielsweise bei handelsblatt.com, die das regelmäßig machen. Die Inhalte gehen bei all dem natürlich mehr und mehr flöten.

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