Von LARP, Hüten, Schlagfertigkeit und fröhlichen Unfällen

Ich bin in den seltensten Fällen schlagfertig. Was sich super damit kurzschließt, dass ich auch dazu neige, Situationen im Kopf immer und immer wieder durchzugehen, was man nicht Schlaueres, Sinnigeres hätte sagen können und wie blöd ich vielleicht aussah. Und das ist auch eine stete Quelle von nachträglichen Facepalm-Momenten im LARP für mich. Warum habe ich gerade diesen Unsinn von mir gegeben? Oder warum habe ich gar nichts gesagt? Ich als ich selber laber schon zuweilen den letzten Unsinn, wenn ich dann noch so tue, als wäre ich jemand anders, wird meine Reaktionszeit gefühlt auf Gletscher-Niveau gesenkt.

Und deswegen ist Gewandung für mich so wichtig im LARP. Also wirklich für mich und an mir, wie andere sich kleiden ist ihre Sache und obwohl ich tierisch gerne schöne Kostüme anschaue, finde ich ein sich immer mehr einschleichendes Naserümpfen gegenüber sparsameren Leuten oder solchen, denen das einfach nicht wichtig ist, unangebracht. Inzwischen. Ich war auch mal jünger und ätzend. Ich würde mich ja bei allen entschuldigen, die mich zum Ende meiner Teenager-Jahre/Anfang zwanzig kannten, aber wir waren damals alle ein bisschen grässlich.

Und ja, Dinge ausblenden ist für LARP auch wichtig. Die Kacheln sind mit im Spiel gar nicht aufgefallen. Meh.

Und ja, Dinge ausblenden ist für LARP auch wichtig. Die Kacheln sind mit im Spiel gar nicht aufgefallen. Meh.

Aber um die Verbindung zu erklären: Wenn ich das Gefühl habe, mein Kostüm oder meine Gewandung sieht gut aus, schneidet das schon mal den Teil der kontinuierlichen Nachdenkspirale ab, der sich damit beschäftigt, ob ich gerade dämlich aussehe oder ob das alles nicht zur Rolle passt.

Aber es geht immer besser. Immerhin gibt es bei Kleidung jedoch die Chance, es auch besser zu machen, auf die nächste Con einfach was anderes, mehr oder dasselbe mit Nachbearbeitung mitzubringen. Noch ein paar Mal mit der schon einmal beschriebenen LARP-Brille umherzuziehen und Dinge zu finden, die  genau dazu passen, was man spielen oder für die Rolle basteln möchte.

Und deswegen ist auch die Rahjani, mein aktueller Lieblingscharakter, ein stetes work in progress. Und damit, meine Damen und Herren: Mein übertriebener Stolz darauf, aus einem alten Fächer, Worbla, Stoffresten, Glöckchen und Citadel-Miniaturenfarben einen Hut gebastelt zu haben.

Der Hut. Der auf den meisten Fotos irgendwie abgeschnitten wurde, weil zu hoch.

Der Hut. Der auf den meisten Fotos irgendwie abgeschnitten wurde, weil zu hoch.

Nur um den Stolz zu erklären – dafür habe ich die “Schale” des Hutes geformt, beklebt und die Perlen-Borte angenäht. Den Fächer auseinander genommen, gold besprüht und dann in den Farben “Screamer Pink”, “Emperor’s Children” und “Changeling Pink” 27 kleine Rosen darauf gemalt. Und jetzt muss ich noch ein neues Bemalschema für meine Tyraniden finden, damit ich das noch anderweitig mal verwenden kann. Anschließend Stickgarn hineingeflochten und spontan die Glöckchen daran befestigt, die wirklich schön bimmeln, aber es damit auch echt schwer machen, sich an eine geheime Besprechung anzuschleichen und an der Tür zu lauschen. Schlussendlich lag in meinem Schmuckkästchen noch die wunderschöne zartrosa Perle als Anhänger und da ich keine feine Silberkette hatte, hat sie vorerst einen Platz als Stirnschmuck am Hut bekommen.

Nur wenn der Schirm und das Weinglas mit drauf müssen, passt der Hut auch.

Nur wenn der Schirm und das Weinglas mit drauf müssen, passt der Hut auch.

Das Endergebnis sieht anders aus als alles, was ich mal geplant hatte, und ich könnte vermutlich nie nach genauer Anleitung basteln wie die Cosplay-Diven, die einem in Büchern geduldig Schritt für Schritt erklären, wie genau man ihren geilen Scheiß designt, baut und an sich selbst festnietet. Aber es ist meins und vollkommen in Ordnung so. Was ich für den mal geplanten Hut eingekauft habe, wurde nahezu nicht verwendet, dafür Krims und Krams aus fünf verschiedenen Läden, den ich einfach mal gehortet hatte. Und wo ich früher bei Misserfolgen wie ein wütendes Kleinkind reagiert und alles hingeschmissen habe, wohnt inzwischen offenbar ein kleiner Bastel-Bob Ross in meinem Hinterkopf und erklärt mir, dass es keine Fehler, sondern nur “Happy little accidents” gäbe.

Danke Bob.

Außerdem habe ich fast drei Wochen jeden Tag ein bisschen von Hand an einem Mantel mit Kunstfellkragenfutter genäht, dabei Binge-Watching von Walking Dead betrieben und es zu meiner Überraschung dann doch zunehmen interessant gefunden und ihn dann fast nie angehabt.

Und zu guter letzt: Wusstet ihr, dass kleine Läden auf Etsy und anderen Plattformen Temporary Tattoos von nahezu allem anbieten? Auch von vintage Rosen-Ornamenten? Jetzt wisst ihr es. Dank Tattoorary aus den Niederlanden hat die Rahja-Geweihte nun auch endlich ihr Weihe-Hautbild, das eigentlich schon von Anfang an dazu gehört hätte. Nachbessern halt. Beständig.

Nicht zu groß und nicht zu knallig und im passenden Stil. Danke, Internet.

Nicht zu groß und nicht zu knallig und im passenden Stil. Danke, Internet. Und tatsächlich nochmal der Hut, ganz.

Das nächste Mal werde ich die Dame voraussichtlich erst im Sommer wieder einpacken. Es bleibt also viel Zeit zum Nähen und für fröhliche Bastel-Unfälle! Ein Lob darauf, dass mit diesem seltsamen Hobby es immer etwas zu tun gibt. Wenn man nicht schlagfertig ist und deswegen mehr Hüte braucht.

 

3 Gedanken zu “Von LARP, Hüten, Schlagfertigkeit und fröhlichen Unfällen

  1. Jaaaaaaaaa… das Gefühle kenne ich auch zu gut und das schlechte Gewissen, jedes Mal, wenn ich mich selbst dabei ertappe darüber zu urteilen, wie andere dieses wunderbare Hobby ausleben, wie viel Mühe sie sich mit ihrer Gewandung und ihrer Darstellung machen, ziehe dann aber einen Vergleich zu mir selbst…

    Und oftmals werde ich enttäuscht, aber warum nur? Weil ich so arrogant bin, niemand sonst außer mir selbst genug Zeit und Geld in Gewandung und Konzept steckt, so niemand meinen Ansprüchen gerecht wird?

    Ich denke nicht.

    Es ist eher so, dass mein eigener Anspruch an mich selbst so hoch ist und nicht mal ich selbst dem gerecht werde, wie soll das jemand anderes in meinen Augen schaffen?

    Zugegeben, auch dies hinsichtlich gab es eine Entwicklung. Ich bin nicht mehr so streng mit mir selbst, zwar immer noch ehrgeizig mit Hang zum Perfektionismus, aber ich erlaube mir auch stolz zu sein, was ich selbst an Nähmaschine und in der Werkstatt erarbeite. Und das ist legitim! Ich verstecke mich nicht und denke auch nicht, dass es nötig wäre.

    Es gibt sicherlich Charaktere die in ihrer Darstellung “besser” sind, was immer das auch bedeuten mag…

    Aber es gibt eben auch Darstellungen die lieblos wirken.

    Ich bin darüber nicht wütend oder verärgert, ich finde es eher schade und bedauere es, dass manche die Prioritäten in meinen Augen falsch setzen oder einfach nicht die Mittel, das handwerkliche Geschick und / oder die finanziellen Mittel haben, um das Hobby so zu bestreiten, wie ich es selbst vermag. Ich habe schon schlecht gekleidete gute Rollenspieler gesehen und gute gekleidete schlechte Rollenspieler. Es wird immer beides geben.

    Aber ich denke, wir sind weit davon entfernt zu pauschalisieren. *smile*

  2. Heyho,
    Die Kostüme sind wunderschön :) und keiner trägt sie besser als du <3 deine rahjani ist sehr inspirierend. Möchte (zumindest auf dem Papier) jetzt richtig gerne auch wieder eine spielen ;)

  3. Der Hut sieht super aus! Ich find grad die Perle als Stirnschmuck super. Und Respekt, dass du das alles selber machst, ich so mit der handwerklichen Finesse eines Shinoqi würde das niemals hinbekommen und erst recht nicht die Geduld dazu haben.

    Das mit der Schlagfertigkeit kenn ich irgendwie auch, wenn auch eher vom Tischrollenspiel. Ich bin zwar eiigentlich schon halbwegs schlagfertig, aber in meinem Kopf sind immer so viele intelligente und toll ausformulierte Dinge, die meine Charaktere sagen könnten, aber wenn ich dann den Mund aufmache, kommt irgendwie was ganz anderes raus, und zwar nicht, weil ich nicht formulieren könnte, sondern weil ich glaube, mich lächerlich zu machen, wenn ich das, was ich mir gedacht habe, auch so sage. *wirr*

    Äh, ja. Ein Hoch auf Bob und den Hut ;)

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