Justice League oder ein überraschend langes Essay zu Superhelden und der Popkultur

TL;DR, ich wollte nur eine Rezi: Meh. Danny Elfman! Graue lahme Gegner. Tonfall schwankt. Supermans Oberlippe lenkt brutal ab.

Edit: Eine missverständliche Passage leicht geändert.

Alles muss vernetzt sein

Wer heute kein mehrere Filme umspannendes Cinematic Universe hat, idealerweise mit Superhelden, hat wohl Sauregurkenzeit. Endlose Mengen an Harry Potter und Spin-Offs, eine jetzt wohl nie mehr endende Flut Star Wars und mittendrin das straff organisierte Marvelteam. Da müssen auch mal „Dark Universe“-Versuche … scheitern. Und Detective Comics darf hinter Marvel ebenfalls nicht zurückstehen. Schließlich ist es doch Marvel, das immer bei DC geklaut hat, oder? Thanos für Darkseid, Moon Knight für Batman, X-Men für … ah … hm. Egal. Wenn wir ehrlich sind, wechseln die Top-Profis der Szene ohnehin von einem Titel by DC zum anderen bei Marvel und zurück und als DC seinen Hauptsitz noch in der Nähe von Marvel in Manhattan hatte, sind angeblich die Leute mal hier mal da in die Kantine gegangen, abhängig vom aktuellen Angebot.

Der Unterschied ist nicht so groß, im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Papier.

Allerdings hat Marvel sein MCU mit Jon Favreau und Rober Downey Junior gestartet und unter anderem wegen DC-Verfilmungen einen eher leichten Tonfall angeschlagen, denn im selben Jahr erschien The Dark Night und alle waren sich einig, dass man auf der Ebene „finster und brooding“ da nicht mithalten können würde. Und von da an durfte es bunt und auch immer etwas albern sein. DC hat also noch mit Christopher Nolan selber der Konkurrenz zu ihrem Erfolgsrezept verholfen.

Da muss ein eigenes her, also ran mit Zack Snyder, der schon die Fleischtheke von 300 und das Abpausen von Einzelbildern aus Watchmen optisch wuchtig umgesetzt hat. Meiner Ansicht nach ein erschreckend überbewerteter und ein hervorragender Comic als Vorlage (ihr könnt ja raten welcher welcher ist) und ein langweiliger und ein starker Film. 

Man könnte meinen, Zack Snyders Filme setzen auf sehr viel Style, aber die Substanz hängt davon ab, welches Material er als Vorlage dafür hat. Streicht den Konjunktiv, das meine ich. 

Wenn du nicht Alan Moore bist, bist du’s halt nicht

Ich mag ja Drama und Düsternis und auch finstere, kalte und farblose Welten der Zukunft sprechen mich an (streichelt die endlich erschienene Neuauflage von BLAME!, die leider nicht im Format zur sonstigen Tsutomu Nihei-Sammlung passt), ABER … es kann schon mehr sein als nur Düsternis zum Selbstzweck, weil es cool ist und weil es anders ist als die Konkurrenz. 

Leute, wir hatten die „Dekonstruktion des Superhelden“ schon mal. In den späten Achtzigern, mit durchgeknallten Genies wie Alan Moore (und ganz anders, weniger sympathisch durchgeknallten, wie Frank Miller. Der aber dennoch einige wichtige Werke geschaffen hat. Und einige richtig miese). Alan Moore hielt übrigens wenig von Verfilmungen und Neufassungen seiner Graphic Novels, die glaube ich nur wegen ihm auch so einen feineren Namen haben. Und weil er und ein paar andere geniale Werke verfasst haben und weil diese düster und verrückt und brutal waren, haben in den Neunzigern zig andere Künstler auch alles düster und verrückt und brutal gemacht. Nur leider ohne den Hintergrund, ohne die manische Detailverliebtheit und das erzählerische Genie der Vorbilder. 

Ich fühle mich als wären es wieder die Neunziger und wenn wir ehrlich sind war das Jahrzehnt gar nicht sooo toll. Nein, Einzelbilder aus The Dark Knight Returns in Batman vs. Superman nachzustellen ist keine Hommage, keine tiefe Aussage, es ist das Abpausen eines einzelnen Frames ohne Referenz für den Rest. Stil nur UM DES STILS WILLEN und weil man vorgeprägt damit große Geschichten assoziiert ist alles andere als ein Geniestreich.

Ayn Rand, go home, you’re … dead. Seriously, just … disappear.

Dann kommt noch hinzu, dass Zack Snyder gerade in die Superman-Versionen seine Begeisterung für Ayn Rands Objektivismus mit reinpacken muss. Dass er eine Hoffnungsgestalt für Generationen von Jugendlichen, den Oberpfadfinder, den einen wahren, gefestigten, netten, guten Typen als Alien-Jesus mit Atlas Shrugged-Manier inszeniert, ist bedrückend zynisch. Zum Glück ist Ayn Rand hierzulande ja gar nicht so bekannt, so dass ich als Teenager ausgerechnet über einen Roman von Matt Ruff auf sie gestoßen bin und ursprünglich dachte, so etwas Bescheuertes sei als Persiflage auf seinem Mist gewachsen. 

Wer jetzt auch verwirrt ist: Ayn Rand ist die, die keinem Bettler einen Cent geben würde. Die lieber verweigert, als sich von den niederen Massen belagern zu lassen. Sie würde GRRM sagen, er soll keine Romane mehr schreiben. Die würde auch lindnern und Sondierungsgespräche in letzter Sekunde platzen lassen. Sie war unter anderem davon überzeugt, dass Menschen nur der Wert zugesprochen werden sollte, den man ihnen aus egoistischer Perspektive gibt. Bäh. 

Last Week Tonight kann da übrigens mit Nachhilfe dienenund fasst das vermutlich  besser zusammen als ich:

Ein Superman, der für eine egoistische, arrogante, auf superreiche und narzisstische Personen angepasste Denkweise als Vehikel dient, ist verkehrte Welt. Und sollte es nicht Absicht gewesen sein (extreme Zufälle passieren) ist es immer noch eine Farce.

Keine Farce ohne Fans, natürlich. Es ist so düster, es hat Zitate bekannter Dinge, es muss doch gut sein. Es hat doch sicher eine Aussage und die ist doch sicher absolut tiefsinnig.

Justice League war mal das Thema dieses Blogs

Also: Snyder ist die prägende Kraft hinter dem kleinen DC-Filmuniversum. Und steigt dann, absolut nachvollziehbar, wegen des tragischen Todes seiner Tochter aus der Produktion aus. Es springt Joss Whedon ein, der mindestens genau so viele Fanboys und -girls hat und mit Avengers einen erfolgreichen Superhelden-Teamfilm abliefern konnte (und mit Age of Ultron eigentlich gesagt hatte, dass er sowas nie, nie wieder macht). Er schreibt nochmal am Drehbuch, arbeitet an der Postproduktion, dreht Szenen neu und holt Danny Elfman mit an Bord.

Danny Elfman. Batman, Nightmare Before Christmas, Simpsons. Schwurbelige Geigen, Drama, Gothic. Und deutlich traditioneller in seiner Orchestrierung und Herangehensweise als Hans „Zwei Töne auf dem Klavier reichen hier doch“ Zimmer.

Jaja, ich mag auch viele von Zimmers Soundtracks. Aber ich bin mir gleichzeitig bewusst, dass er kein John Williams ist. Ich höre ja auch Popmusik.

Justice League, und jetzt kommen wir endlich bei dem Film an sich an, ist also ein Potpourri verschiedener Stile, Herangehensweisen und Sichtweisen auf das Thema Superhelden. Ein Fundament von Snyders selbstverliebter Düsternis um der Coolness willen, Joss Whedons Umbauten von im Grunde guten Menschen mit übermenschlichen Gaben, die Freunde werden und auch mal Witze reißen und eine Untermalung mit Anklängen an die Batman- und Superman-Filme von Tim Burton und Richard Donner.

Der Bösewicht ist einer der New Gods von Apokolips, Steppenwolf, a.k.a. Oberbösewicht Darkseids Sidekick mit nicht dem blödesten Namen. Der Titel geht an Granny Goodness. Ich mag das Pack trotzdem. Im Film ist Steppenwolf … da. Und er will … irgendwas. Und er sieht … aus. Ja. Irgendwas muss man ja hauen, also ihn und seine Paradämonenarmee graugesichtiger Hordenbiester.

Am Ende geht es aber darum, dass alle Superman vermissen, Wonder Woman die einzige Erwachsene ist und CGI-Gesichter und Oberlippen das Uncanny Valley immer noch nicht verlassen haben. Ich mag Gal Gadot als WW immer mehr, die hier zugleich selbstbewusst und quasi unzerstörbar, aber auch positiv, warmherzig und etwas verschmitzt wirkt. Go Diana! Batfleck ist weiter okay. Der Babyflash ist auch okay, aber ich habe zugegeben wenig Hintergrundwissen zu den Flashes, außer, dass sie eigentlich deutlich epischer sein sollten, aber das SchnellerrennenalsdasLicht-umdurchdieZeitzureisen kommt ja wohl noch, ansonsten ergibt die Szene aus BvS keinen Sinn. Aquaman hat mich im Original noch nie so interessiert, deswegen kann ich auch gut damit leben, dass er hier von einem voll tätowierten, etwas stumpfsinnig-enthusiastischen Jason Momoa gespielt wird. Cyborg hätte deutlich cooler sein können, aber die Zeit und die Tatsache, dass man offenbar kein Prothesen-Make-Up benutzen wollte, sondern zwingend CGI, hat der Performance nicht gut getan. Genauso wie Henry Cavills Auftritte (er war im Trailer zu sehen, also kein Spoiler) davon überschattet werden, dass in vielen seine Oberlippe aus dem Computer kommt, weil er bei Nachdrehs einen Schnäuzer hatte. Ich kann auf nichts achten, außer darauf, dass sein Mund … falsch ist.

Alles in allem so … okay halt, mit der Lady der Runde in der Führung.

Und dann schwankt alles tonal bunt umher. Der Film ist nicht so düster und das meine ich wortwörtlich, denn jemand hat beschlossen, dass nicht jede Szene bei Nacht oder Pseudo-Nacht (im Ernst, spielt das alles in Münster? Hat Metropolis das Wetter von Münster??) abgehandelt werden muss und dass man auch ein paar Farben im Bild sehen darf. Und es gibt Witze und alberne Momente und nicht nur langes Starren und Zeitlupe mit darüber gesprochenen betroffenen Texten.

Das ist am Ende auch alles … okay. Meh. Kann man schauen. Ist eine simple Formel, irgendwie zusammengenäht, damit es passt, aber eine bunte Hülse. Popcorn war gut, aber das hängt leider vom Kino ab. Publikum war schlimm, aber das hängt auch vom Kino ab. Erstaunlich, wie wenig Eindruck der Film bei mir hinterlassen hat.

Was mich wirklich aufregt

Comics sind bescheuert. Ich stehe da offen zu. In ihrer Urform taugen sie nicht zur Massenunterhaltung, was man auch daran sieht, dass die wenigsten Cosplayer und Comic-Con-Geher tatsächlich das Urmaterial lesen. Das ist nämlich schräg und manchmal geradheraus dämlich und bunt und albern und unlogisch. Es hat wie jede Szene seine Vollidioten und seine Genies. Und selbst seine Genies haben alle einen Sockenschuss und schreiben über graue Riesen, die Milliardäre in Fledermauskostümen auf eine Reise durch die Zeit schicken, über verrückte Clowns, über Multiversen, das Ende von Superman, den Neuanfang von Superman, Dämonenjäger und ganz simpel über Leute mit albernen Namen in albernen Kostümen. 

Es ist aber irgendwie, auf seltsamen Wegen, eine Form davon in die Popkultur gekommen. Batman wird einer der Mythen sein, über den Altphilologen der Zukunft rätseln werden (und ihn mit Darth Vader und einigen anderen Gestalten verwechseln, eine meine Lieblingstheorien zur Welt nach uns). In die Popkultur, die früher noch den Lesern des Urstoffes das Stiftemäppchen weggenommen und durch die Klasse geworfen und das Pausenbrot geklaut hat. 

Nur, liebe Popkultur, eigentlich magst du Comics gar nicht. Eigentlich bist du zu cool dafür. Deswegen ist das leichter für dich, wenn es sich mehr über sich selbst lustig macht oder wenn es all das entfernt, was uncool sein könnte. Wenn es Marvel oder DC im Kino ist.

Ja, das macht Spaß. Aber es ist am Ende nicht das Original. Nicht das, was die begeistert hat, denen die Mäppchen und Pausenbrote geklaut wurden, weil sie seltsames Zeugs mochten. 

Wir sind in einer Zeit angekommen, in der jemand allen Ernstes schreibt „Einer anderen Serie als Game of Thrones, die weniger gut gemacht ist, würden wir dumme Begriffe wie „Dragonglass“ oder „Nightking“ übel nehmen, aber Game of Thrones ist eben einfach so gut, dass wir darüber hinwegsehen.“

Nein. Falsch. Hör einfach auf, das zu mögen, du Popkultur, denn du magst nur die Verpackung. Du hast diese kleinen, versponnenen Herzen nicht, die Robin nicht uncool und Fantasy-Begriffe episch finden. Du bist Zack Snyders Graufilter und Hollywoods Casting Entscheidung. Du regst mich auf. Du produzierst in einer Zeit, wo alles mit Google zu finden ist, Erklärvideos zu Star Wars und Easteregg-Aufklärungen zur Batcave. Du bist so geekig und nerdig, weil es auf einmal keine Schimpfworte mehr sind. Du hast nicht die besessenen Diskussionen über die Über- oder Unterlegenheit von Helden geführt, handgeschriebene Fanzines fotokopiert und unter dem Tisch heimlich Hefte aufgeschlagen, weil du Angst vorm Ausgelachtwerden hattest.

Klar, du hast ein Recht dazu, Spaß dran zu haben, du bezahlst es ja auch. Aber du machst mich manchmal wütend. Aber ich Depp gehe auch immer noch rein in die Filme, die der Auslöser und die Auskristallisierung des Phänomens sind, dabei habe ich mich die letzten Jahre nur in anderen Produktionen tatsächlich über die Ausgabe für die Kinokarte gefreut – in Sing Street, in Ex Machina, in The Arrival. Stand eine der großen Marken drauf – ob SW oder DC oder MCU – habe ich es im besten Fall nicht bereut.

Ist okay. Ich habe mich wieder beruhigt. Behalte die Filme und schreib Petitionen, wieder mehr Zack Snyder in der Home Release-Fassung von Justice Leage zu wollen und Danny Elfman zu ersetzen. Ich mag Junkie XL ja auch, Mad Max: Fury Road war eine Gaudi und es läuft sich super zur Musik.

Was mich freut

Hey, DC hat mit Rebirth die Hintergrundstory von Timothy Drake wieder fast auf pre-New 52 zurück gesetzt! Es geschehen noch Zeichen und Wunder 🙂 Mein Detective Comics-Abo bleibt also. Und ich muss nicht mehr zur Schule gehen, also kann mir keiner was für klauen. 

Ein Gedanke zu “Justice League oder ein überraschend langes Essay zu Superhelden und der Popkultur

  1. Guten Morgen/Guten Abend,

    ich hab mir, nachdem ich Thor: Ragnarok gesehen habe auch so meine Gedanken zum Thema Comicverfilmungen gemacht. Ich denke, dass das Thema langsam durch ist, zumindest im Kinoformat. Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl eine immer gleiche Geschichte erzählt zu bekommen, die hier und da, mit etwas Glück, durch neue Charaktere gewürzt wurde, je nach Art und Herkunft. Was hat den ersten Thor interessant gemacht? Dass der junge Mann die neue Welt kennen lernte, und sich mit alle ihren Eigenheiten auseinander setzen musste. Das war nur noch bedingt im zweiten der Fall, und im dritten fiel dieser Aspekt ganz weg. Thor war nur noch der Superheld mit Superheldenproblemen.
    Bei Wonder Woman war es ganz ähnlich. Ich weiß nicht, ob die Dame in einem zweiten Solofilm wieder gut rüberkommen würde, denn auch sie würde, wahrscheinlich nur noch Superheldenprobleme haben.
    An dieser Stelle würde ich nun „Logan“ anbringen, der, meiner Meinung nach, sehr gut aus dem Einheitsbrei heraus stach… und ich denke, dass es auch hier daran lag, dass der Mann nicht nur Superheldenprobleme hatte.

    Ich fände es schön, wenn den einzelnen Charakteren und deren inneren Kämpfe mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden würde. Der Kampf gegen das Böse läuft für Superhelden doch eh immer gleich ab. Die individuellen Probleme der Helden machen sie erst interessant. Aber Moment mal… wenn sie Probleme haben wie normale Leute… sind sie dann noch echte Helden?

    Ich denke, dass Comicverfilmungen in Serie mehr Sinn machen, wenn sich die Macher tatsächlich die Zeit nehmen für die Konflikte der Helden. Das hat aktuell in „The Punisher“ gut funktioniert, wo man sich auch mal an ungewöhnliche Erzählweisen heran traut, nicht zu vergessen, die Ausrichtung an ein deutlich erwachsenes Publikum.

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