Die Sehnsucht nach Superhelden

„Sag mir bitte, dass du den Dreck nicht liest.“

Das war wortwörtlich die Reaktion einer Mitschülerin, nachdem sie einen Comicband aus meiner Hand geschnappt hatte. Danach habe ich die nächsten Jahre versteckt unter Tischen geschmökert und möglichst niemanden reinschauen lassen. Wer die gleiche natürlich unverträgliche Mischung aus Eitelkeit und Unsicherheit mitbringt wie ich, lässt sich eben immer nur einmal wegen etwas auslachen.

Und dann kam irgendwann der Moment, wo ich peinlich berührt jemandem zu erklären versuchte, was ich da so halbheimlich süchtle, und folgende Antwort erhielt: „Ach was, ist doch cool!“

Bizarr. Aber irgendwie haben Comics es generell in eine allgemeine Zone der Akzeptanz geschafft. Spätestens seit erfolgreichen und weniger erfolgreichen Verfilmungen von jedem letzten Daredevil und seiner Oma kennt ohnehin jeder mindestens ein, zwei Titel. Zitate aus Spider-, Super- oder Sonstwieman gehören zur Popkultur. Batmans Robin-Ohrfeige lacht mich jeden Tag auf Facebook an. Und mit dem etwas weniger vorbelasteten Begriff Graphic Novel kann man Comics auch als Kulturgut akzeptieren.

Was ich mich aus meiner Unter-dem-Tisch-Verstecker-Perspektive, als ehemaliger komischer Teenager mit komischen Hobbies heutzutage frage ist, was sieht jemand, der durch allgemeine Popkulturinfektion Comics kennt? Dasselbe wie ich? Etwas anderes?

Und deswegen hier eine kleine und vielleicht unnötige Auswalzung des Warums bezüglich des Lesens und des Was bezüglich der Wahrnehmung.

Kleine Anmerkung vorab jedoch: Als Kind der Achtziger habe ich erst in den Neunzigern angefangen, Comics zu lesen. Ich verbinde mit den überzogenen Figuren der Zeit eine gewisse Nostalgie, habe ältere Phasen aber mit demselben faszinierten Abstand kennen gelernt wie Schwarzweißfilme von Akira Kurosawa, Fred Astaires Coolness und alten Rock: Es ist nicht meine Primärgeneration des Mediums und ganz sicher kein Gebiet, auf dem ich mich mit absoluter Sicherheit bewege, aber das ändert nichts an meiner Wertschätzung.

Die Comics, mit denen ich die Sucht begonnen habe, meine X-Men, Batman aber auch The Darkness, Witchblade, Spawn und Einzelausflüge in andere Serien waren alle eine Auszeit für mich. Geschichten, die sich ausreichend Freiheit von der Realität nehmen können um ohne Ballast ihre Ideen zu spinnen. Was nie und nimmer heißt, dass sie fernab vom Zeitgeist der Realität wären. Sie greifen Rassismus, Ausgrenzung, Reaktionen auf Schwulenbewegungen und Angst vor dem Terror auf. Mal plumper, mal feinfühliger. Aber sie müssen sich dabei auch, vor allem in den fortlaufenden Serien mit Zeitdruck, nie wirklich zu sehr an etwas verheben, denn am Ende zählt es, den Leser zu unterhalten. Und so haben sie immer stärker als jedes andere Medium bei mir die Lust am Selber Ausprobieren entfacht. Einfach mal schauen, was man selber erzählen und machen kann. Und sie waren ansteckend!

In der Oberstufe gab es auf einmal eine ganze Bande von Mädels, die eine parallele Geheimidentität als Mutanten-Heldinnen hatten, Zeichnungen und einen nie fertigen kleinen Comic inklusive. Naheliegend, denn bombardiert mit Superfähigkeiten fragt sich doch jeder schnell, was er selber gerne könnte. (In meinem Fall Fliegen und Dinge explodieren lassen… klassisch und einfach. Allerdings konnte mein Alter Ego nur mit Mühe noch jemanden mitschleifen mangels Kraft und konnte sich der Insekten nur mit Fliegerbrille und Schal erwehren.)

Und ist es ein schlechtes Vorbild für Frauen in dem Alter, eine Badass-Superheldin zu sein, die jeden, der sich über ihr Oufit lustig macht, im Notfall unangespitzt in den Boden rammen kann? Die kein armes Mäuschen ist und kein Mauerblümchen und nicht brav, die blöde Frisuren selbstbewusst trägt und kein Problem mit anderen Hautfarben hat, denn die beste Freundin ist eh von Kopf bis Fuß blau? Und wenn sie nur fünf Streifen Stretch trägt!

Ja, Comics haben meine Fantasie und Begeisterung in sinnig sinnfreie Bahnen gelenkt. Soviel zu Eskapismus und Inspiration.

Es kommt aber auch noch Begeisterung für das Handwerk hinzu, sowohl erzählerisch als auch von der Bildgestaltung her. Ein Killing Joke (interessiert euch Batman auch nur am Rande: LESEN!!) hinterlässt den Leser emotional aufgewühlt. Meine traurigen und so wunderschön umgesetzten Wolverine: Origin-Hefte halte ich in großen Ehren. Verträumte Neil Gaiman-Comics haben ja ohnehin Berühmtheit erlangt.

Ich will nicht jedem Comic große künstlerische Bedeutung zusprechen, dafür habe ich auch zu viel Mist gelesen (und habe auch von einigen erfolgreich verfilmten ‚Klassikern‘ keine allzu hohe Meinung). Aber es gibt sie, die Bände nach denen man das Deckblatt durch die Finger streifen lässt und irgendwo zwischen betroffen und verzaubert ins Leere starrt. Bei denen man etwas Bedeutsames erzählt bekommen hat, idealerweise verpackt in Bilder, die schön, eindringlich, eloquent und auf ihre Bedeutung hin strukturiert sind. Wo jede Seite ein Kunstwerk ist. Wenige Medien funktionieren bei mir annähernd gut wie Comics, um etwas zu transportieren. Es ist die Mischung aus Lesen und visuellem Reiz, aus Erzähler und erzählenden Bildern, die irgendwie genau die richtigen Hirnregionen ankitzelt.

Und nun abschließend zur Sehnsucht.

Ich glaube am klarsten fasste ich diesen unterschwelligen Gedanken im Rahmen der aktuell laufenden Invincible Iron Man-Serie. Wo eine Episode mit Tony Stark im Weltall begann, gekleidet in einen Technologietraum und mit der Reparatur an einem Shuttle beschäftigt.

Hätte man einen Stark-in-the-Box wäre keine Raumfähre wegen Schäden an ihren Hitzekacheln beim Wiedereintritt verunglückt. Warum können diese Helden alle fliegen, warum sind sie stark, können durch Wände sehen oder sind geisteskranke übertrainierte Hightechstalker, die nachts Überfälle vereiteln?

In dem Moment, wo der Wagen von der Bahn abkommt und die Leitplanke der Brücke durchbricht, wenn das Flugzeug bei der Landung einen technischen Defekt hat, liegt nichts mehr in unserer Hand. Das ist das kalte, fühllose Universum, das uns in Filmen von Aliens fressen lässt – und professionelle Paniker und Hypochonder wie ich kennen sich sehr gut damit aus, wenn auch zum Glück in der Regel nur theoretisch.

Das einzige, was einen in einer solchen bitteren Situation noch retten KÖNNTE wäre ein Mann aus Stahl, der schnellste Mann der Welt oder zum Ausgleich auch die Frau… mit… dem Lasso der Wahrheit. Okay, vermutlich viel weniger Leuten bekannt aber die Idealbesetzung: Pepper Potts als Rescue.

Die Sehnsucht nach Superhelden ist die Sehnsucht danach, auch die letzten Schrecken irgendwie überwinden zu können und über alle Todesfallen im Leben eine Brücke zu bauen.

Gibt es nicht. Aber die Sehnsucht beweist, dass es diesen Schrecken noch gibt. Dass auch wenn alles noch so sauber und modern und technisch ausgereift ist, wir immer noch nur das sprichwörtliche Staubkorn im (unter Umständen) unendlichen All sind und sehr viel größere Mächte als wir jeden Tag am Werk sind.

Das ist per se ja nichts Schlechtes – und wenn wir irgendwann doch alles überwunden und kontrolliert haben, schadet es nicht, wenn der Held namens Menschheit seine Unterwäsche über der Leggins trägt und angesichts grüner Kristalle in Ohnmacht fällt. Ein bisschen Albernheit sollte die Perfektion dann doch brechen.

Oh und eines noch: Comics machen einfach Spaß. Punkt.

Und jetzt bitte ich darum, mir andere Sichtweisen zu schildern!

13 Gedanken zu “Die Sehnsucht nach Superhelden

  1. Für einen Blog-Beitrag über Comics hat’s hier ganz schön wenig bunte Bilder… *rant* ;o)

    Das Bedürfnis nach Superhelden kennt imho jeder, auch wenn er/sie es nicht unbedingt im Comic sucht.
    Und an die komischen Blicke und Kommentare zu Schulzeiten kann ich mich auch gut erinnern – nur dass ich sie nicht für Comichefte/-bücher sondern für ‚Klassiker‘ der SF/Fantasy wie Terry Pratchett kassiert habe. Aber naja, ich bin ja eh ein Ost-Kind und als wir die weite, bunte Welt des Westens entdeckten, dann war das mit Fix & Foxi, Yps und den Lustigen Taschenbüchern (die damals gerade die Nummer 100 geknackt hatten…). Trotz oder gerade deswegen habe ich diese Geschichten verschlungen… :o)

    • Für bunte Bilder fehlen mir die bunten Rechte an denselben ^^. Da bin ich lieber vorsichtig. Lustige Taschenbücher erwecken übrigens noch ganz andere Kindheitserinnerungen bei mir – meine Eltern waren dagegen, dass ich das lese, aus irgendwelchen Bildungsgründen. Also habe ich sie heimlich vom Taschengeld gekauft und ins Haus geschmuggelt. Im heimlichen Lesen habe ich also schon seeeeeehr lange Übung.

  2. Ich habe in meiner Schulzeit heimlich unterm Tisch Mangas gelesen und weis noch genau wie ich mit den Worten angepöbelt worden bin: „Son-Guko hat gar keine blonden Haare hahaha bist du doof!“ Als dann ca. 2 Jahre später Dragonball Z ins deutsche fernsehn kam war das auf einmal nicht mehr so doof aber entschuldigt hat sich bei mir niemand…. Naja jedenfalls hat ich dann die gesamte Dragonball Z Zeit meinen Mitschülern eine Menge vorraus aber die anderen Mangas wurden trotzden noch heimmlich von mir gelesen….

      • Hey, cool. Deine Erfahrung kann ich teilen. Als Bub DBZ immer auf irgend einem französischen TV Channel gesehen.
        Cell und Freezer Saga, kein Wort verstanden aber die Bilder sind im Kopf. Hatt mir auch niemand geglaubt. Was der Mensch nicht sieht, gibts auch nicht.
        Komischerweise glauben aber alle an Gott, egal welcher Religion. Menschen….^^

        • Ich weiss noch ganz genau mein erstes DBZ Manga (und Manga überhaupt) war Son-goku gegen Cell und ich habe es regelrecht verschulungen war alleridngs total sauer als Son-Gohan dann den Kampf gegen Cell aufnimmt und das Manga dann auf einmal zu ende war.

  3. Du verlangst andere Sichtweisen – das ist nicht gerade leicht. *fg*

    Sag mir bitte, dass du den Dreck nicht liest…Yay… Schmerzhaft.. etwas ähnliches durfte nicht nur ich, sondern auch gleichzeitig ein damaliger Schulkamerad mehrmals und auch gleich von allen Seiten, nachdem es sich rumgesprochen hatt, anhören. Doch dazu später mehr.

    Jear, Lustige Taschenbücher, Yps… kenne ich auch noch sehr gut. Das erste was ich an Comics je gelesen hab. Vorallem die Taschenbücher… ich hatte so viele davon… IMMER gekauft, direkt gelesen, ob daheim oder in der Pause (eher selten). Ich hab sie vor einigen Jahren weggegeben. Dafür könnte ich mich heute noch tadeln….nja…. Dank Freundeskreis und vielleicht TV (das weiss ich leider nicht mehr so genau..) kam ich später auch in den Genuss von Gambit, (Wuhu :3) Batman, Superman etc. Leider hielt das Interesse nicht sonderlich lange, sie wurden mit der Zeit abgelöst durch verschiedene.. Mangas.

    Nun kann ich an eben erwähntes anknüpfen. Hahahaha…. ich weiss nicht, wieso gerade von Mangas, aber besagter Schuldfreund fing an, selber welche zu zeichnen. Natürlich nicht ANNÄHERND durchschnittlich gezeichnet, doch die Storys, die der Kerl sich da ausgedacht hatt, die waren einfach Top. Zumindest dachte ich das damals… Ja.. wie lang ist das eigentlich her..? *grübel* So 16 Jahre…. jedenfalls… hab ich jeden seiner Strichmännchen-„Comics“ gelesen, vielleicht nicht alle, nja.
    Das reichte uns aber nicht.

    Als ich von meiner Mutter mein erstes, eigenes Radio, das sogar einen CD-Player hatte + Kassettenrecorder, fingen wir gemeinsam an, gezeichnetes in ein quasi-Hörbuch umzuwandeln. Das war eine tolle Zeit. Natürlich, Kindlich wie wir waren. Die Effekte von Schwertern, Kamp, Zauber… selber gesprochen, ausgedacht.. genauso wie der Wind und ähnliches. Uahaha ;D Ich hab die Kassette eben ausgekramt und angeschmissen, während ich hier Tippe. Genial und gleichzeitig peinlich…^^‘ Sogar sowas banales wie Pokemonkämpfe hört man hier heraus.. ohje…. ähm Themawechsel. :>

    Durch mein Verschulden, oder auch nicht, kam die Kassette in Umlauf. Das freute uns sehr, ja wirklich! Die ganze Schule wusste davon und lästerte. Dannach scheiterte der Kontakt irgendwann, auch weil ich in eine andere Klasse als er versetzt wurde. Und auch wegen anderem…. Ähnlich wie bei dir, Máire, teilte ich mein Hobby Jahre nicht mehr mit anderen, aus Angst, wieder verraten zu werden. Dieser Zustand hält bis heute an. Verräterische Hunde da draussen! Nunja… abschliessend komme ich zu der dir erwähnten „Sehnsucht“. Wie der Matthias vor mir, dem ich recht gebe, findet sich das Bedürfnis nicht nur in den Comics.

    Nicht nur in der Vergangenheit sondern auch einige aktuelle Serien sprechen mich an, die manche vielleicht nicht mögen würden. In allen finden sich Superhelden wieder, auch wenn sie keine übernatürlichen Kräfte oder Anzüge tragen. (Was nicht heissen soll, das solche Filme nicht mehr gerne geschaut werden)

    Zitat von dir: „Die Sehnsucht nach Superhelden ist die Sehnsucht danach, auch die letzten Schrecken irgendwie überwinden zu können und über alle Todesfallen im Leben eine Brücke zu bauen.“

    Ein sehr schön geschriebener sowie treffender Satz, ohja. Ich bin ebenfalls ein Kind der achziger, dementsprechent…“alt“…(Halbtod…? Fühl ich mich manchmal… 😉 ) Dennoch erwische ich mich immer wieder – auch bei Menschen meiner Umwelt – nicht nur die erfunden alleskönner, als „Superhelden“ zu bettiteln. Menschen, die den alltag oder bestimmte Sachen so meistern, wie man es selbst nicht könnte, oder es nie gelernt hatt. Es kann auch etwas Neid oder Naivität drinnstecken, ja. Ich persönlich trage sehr viel „Sehnsucht“ in mir… und zeigt mir, das ich noch viel zu lernen habe, bevor auch ich ein „Superheld werde“.
    Andererseits, bin auch ICH ein Superheld. Auch ich kann Dinge meistern, die andere eben nicht können. Das ist vermutlich Alltag oder Unwissenheit meinerseits gerade.

    Aber dennoch… Auch du Máire, bist für mich ein Superheld. Ich habe deine Videos gesehen, lese was du schreibst. Du hast dir Dinge angeeignet und können… das ich eben nicht besitze. Lass mich deine Arbeit machen, für zwei Wochen. Wie schnell wirst du mich schreien hören nach einem Helden, der mir beisteht und hilft, da ich verzweifle, versage und dagegen wohl kaum was unternehmen kann imho. 🙂

    Puh… was ein geistiger Erguss nach meinem ersten Kommentar zu deinen Fotos. Nun ist es gleich 6 in der früh, ich hoffe, ich habe mich nicht allzusehr blamiert. *lacht* Gute Nacht!

    • Wow!

      Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, den Mega-Kommentar zu schreiben (und danke für die Komplimente ^^). Auf die Sache mit der Kassette bin ich ja fast ein bisschen neidisch, nicht auf das ‚tolle‘ Erlebnis wie die ganze Schule drüber lästert, sondern auf die Kreativität. In der Form habe ich meinen Kram nie umgesetzt und vor allem habe ich jetzt fast nichts mehr von den alten Sachen. Sowas rauszukramen und nochmal hören zu können ist bestimmt eine extrem coole Zeitreise!

      • Hey Máire.

        Zur der Kassette: Damals konnte man eben nicht einfach eine Kamera nehmen, in die Küche stellen, die unseren Spaß dann aufnahm….hehehe *Gannicus Lache-imitier* :3 LARP kannten wir/ich auch nicht… ich weiss nicht mal, ob es das damals schon gegeben hatt. Anders als ich, hatt der Schulkamerad weitergemacht. Auch wenn kein Kontakt mehr besteht, weiss ich, das er Cons besucht, sowie auch an LARP Events teilnimmt.
        Zeitreise… joah….. man merkt, ich werde alt… war wirklich sehr geil, auch wenn es für andere peinlich wäre… Ich will wieder in die Schule und der Aussenseiter sein. Wirklich.

  4. Comics sind was feines.
    Ich mag den Gemütlichkeitsfaktor. Hab jetzt mit dem DC-Relaunch auch wieder meine Sucht nach klassischen Superhelden erweckt.
    Mangas hab ich auch schon immer gern gelesen.
    Besonders One Piece ist einfach an Epicness und „OnGoingness“ kaum zu übertreffen. ^^
    Ich finds einfach schön mich abends ins Bettchen zu kuscheln und mal keine Weltliteratur zu verschlingen, sondern einfach nur zu lesen, wie Superhelden so ihr Ding machen.

  5. Hallo,
    ich denke der Terminus „Sehnsucht“ lässt sich nicht nur auf den konventionellen Superheldentypus in Comics spiegeln und auf das was darin möglich ist. Allgemein: Liest man nicht auch ein gutes Buch, spielt ein mitreißendes Computerspiel oder erlebt eigene Abenteuer mit seiner DSA-Gruppe am Tisch, weil man „Sehnsucht“ nach dem Neuen, dem Alternativen, der Abkehr vom Tradierten, dem Außergewöhnlichen hat? Und ist nicht die übergeordnete Intention die Flucht vor dem Alltag?
    Ich fand und finde eben diejenigen Comics (wenn wir bei dem Thema bleiben möchten) interessant, bei denen die Protagonisten durchaus auch ihre Schwächen und Probleme haben. Der sich ständig in Geldnöten befindliche, von Schuldgefühlen und Rachegelüsten getriebene Peter Parker in Spiderman ist ein gutes Beispiel. Ein „regular guy“; einer von „uns“, wenn man so will. Oder der völlig durchgeknallte Marv in Sin City, der sich auf der Suche nach dem Mörder von Goldie durch den korrupten Sumpf Basin City kämpft.
    Die besonderen Fähigkeiten und Kräfte der Helden und die sich daraus ergebenen Situationen und Möglichkeiten in Comics sind sicher ein faszinierender Aspekt, jedoch wird dem Leser bei kontemplativer Betrachtung so viel mehr geboten, nämlich das Zusammenspiel zwischen Fähigkeit und Schwäche und die damit verbundene Tiefe der Charaktere. In „The walking Dead“ werden spezielle Fertigkeiten der Protagonisten gänzlich ausgeklammert und es geht für die Gruppe um Rick nur um das nackte Überleben in einer ihr feindlich gesinnten Umwelt mit konventionellen Mitteln. Werden Rick, Angela, Michonne und die restlichen Übrlebenden der Apokalypse nicht gerade deshalb auch zu „Superhelden“? (An diesem Punkt frage ich mich gerade wie viele rhetorische Fragen ich denn noch in diesem Kommentar stellen möchte ^^). Ich persönlich stehe dem klassischen, vor Kräften nur so strotzenden Superhelden eher kritisch gegenüber. Vielleicht ist meine Meinung zu hemdsärmlich, aber ich denke, dass erst der aus der Situation geborene Held zum Superhelden wird, auch ohne Laserblick (eine Art situatives Heldentum ^^). Mal ganz banal auf die Realität gespiegelt bedeutet das für mich vor allem eines, in völliger Kongruenz zu einigen Kommentaren weiter oben: Im Spiel des Lebens sind wir alle Superhelden und schlagen unsere eigenen Schlachten, die Kunstform Comic ist nur ein Ausdruck davon.
    Dein Artikel eignet sich wunderbar zum philosophieren. Daumen hoch!

    Gruß,
    Arut

  6. Ich habe mit Comics mit 5 Jahren (u.a. auch unter der Bettdecke heimlich) lesen gelernt (Asterix,Tim+Struppi+Lurchi *g*),mir haben die Bilder nicht gereicht! Dann kamen die Disney Sachen,wie Micky Maus und Donald Duck und mein erster Superheld war Phantomias. Die waren auch in der Grundschule beliebt,aber das wars dann schon. Als ich Indianercomics,wie Silberpfeil,etc entdeckte und die ersten amerikanischen Superhelden wie Batman,Superman,Die Fantastischen 4,Der Hulk,etc. geschenkt bekam,wurde ich schon für meine Begeisterung darüber doof angeschaut. Das ich dann auch angefangen habe „richtige“ Bücher zu lesen war für andere dann mehr als seltsam.
    Als man dann in die Pubertät kam,waren Comics für andere nur noch „Kinderkram“ und Bücher sowieso langweilig. Also hab ich die Anderen nicht mehr an meinem Hobby teilhaben lassen,und habe auf jedem Flohmarkt meine Sammlung erweitert,während andere lieber Fußball spielten.Als dann in Frankfurt Anfang der 90er der erste Comicladen aufmachte,wußte ich endlich….ich bin doch nicht alleine! Mit“Akira“ und „Ghost InThe Shell“ kamen dann für mich die ersten „ernsthaften“ Animes erst ins Regal,dann auch ins Kino.Das schöne war,ich hatte das Kino fast für mich 🙂 Disney war mir dann doch inzwischen schon etwas infantil und glattgebügelt.
    Und dann bekam auch die Comicszene hier in Deutschland etwas Zuwachs und erkannte die Kultur der Comics. Und die Superhelden wurden mal von ihrer „dunklen“ Seite gezeigt,Spawn,etc. zeigten endlich mal mehr, und die Vielfalt nahm zu. Da habe ich dann auch mehr französische und belgische Autoren schätzen gelernt und gemerkt, dass dort Comics mit Büchern gleichgesetzt,und als Kulturgut schon sehr lange verwurzelt sind.Dieses Level hat man in Deutschland noch nicht ganz erreicht,aber unsere Generation(en) haben dies auf einen guten Weg gebracht denke ich,und in 10-20 Jahren stehen wir den Franzosen und Belgiern und Japanern in nichts nach. Mit den Games wird es hoffentlich auch so sein.
    Comics sind Kultur,Comics können bilden! Comics regen die Phantasie an,und Superhelden,deren Autoren und Leser geben mir moralisch den Glauben daran, dass auch andere noch das „Gute“ in dieser Welt sehen (wollen). Wobei ich auch inzwischen auch gute Anti-Helden und Bösewichte schätzen kann.Das liegt wohl am schwarzen Humor 😛 Ich habe alte Comics,die habe ich schon hunderte Mal gelesen, und die machen mir noch genauso Freude, wie ein gutes Buch.
    P.S. Das Gleiche könnte ich auch über Hörspiele/Hörbücher erzählen….
    LG
    Nat

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